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Monster der Moderne

Die Magie ist tot. Es lebe die Wissenschaft. Fast ist die Behauptung ein Gemeinplatz, dass die Welt in der Moderne entzaubert worden sei. Viele sagen: Die Wissenschaft verbannte den „Aberglauben“ aus der Welt und kartographierte die letzten Flecken Terra Incognita. Gleichzeitig bewegte sich der menschliche Blick wie nie zuvor in die Ferne des Alls und drang in den Körper ein. Daran ist vieles richtig. Freilich ist „die Moderne“ dabei nicht als eine exakt definierte Zeit mit klaren Epochengrenzen zu verstehen, sondern als ein durch bestimmte Merkmale gekennzeichnetes und diskursiv hervorgebrachtes Phänomen. In der Moderne beschleunigte sich (gefühlt) das Leben der Menschen. Die soziale Figur des Experten trat auf den Plan und mit ihr zunehmend auch die Wissenschaft, die leitende Normen, Kategorien und Ordnungen schaffte. Die rasante Verbreitung wissenschaftlicher Denkmodelle prägte die Gesellschaften und schürte die Hoffnung auf stetigen Fortschritt. Dass dieses zweifelsohne komfortable Narrativ so glatt nicht funktioniert, wird aber schnell deutlich.

Rückblickend wirken Monster wie Fremdkörper in der Moderne und markieren Brüche in der triumphierenden Fortschrittsgeschichte der Menschheit. Dabei sind sie jedoch weder als Überbleibsel aus grauer Vorzeit noch als Auflösungserscheinungen einer zerfallenden Moderne und auch nicht als überzeitliche Konstanten menschlicher Vorstellungskraft zu verstehen. Vielmehr geht diese virtuelle Ausstellung davon aus, dass Monster wichtige und funktionale Teile der Moderne waren, die sie bewohnten.

Die Bezeichnung „Monster“ hat ihren Ursprung im Lateinischen und kann von „monstrare“ abgeleitet werden, was zeigen oder hinweisen bedeutet. Darüber hinaus kann „monere“ (erinnern, warnen, mahnen) als Wortursprung ausgemacht oder auf das Wort „monstruosus“ (widernatürlich, scheußlich) zurückgeführt werden. Bereits im Wortursprung ist also die Funktion zu erkennen, die Monstern zugeschrieben wurde und wird.

Monster dienen als Kristallisationspunkte für soziale Ängste, Konflikte und Umbrüche. Sie wirken aber auch als Hilfsmittel, das ein Selbst von einem Anderen, ein Ich oder Wir von einem Er oder Sie abgrenzt. Denn Grenzgängern und Zwischenwesen ist es möglich, normative, gesellschaftliche und biologische Grenzen zu überschreiten. Sie können Tabus und Verbote brechen oder zumindest hinterfragen. Dadurch können Monster verunsichern, aber auch zur Versicherung bestehender Ordnung beitragen. Teilweise tun sie beides gleichzeitig. Sie können als Deutungsmuster für körperliche und biologische Normabweichung fungieren, oder sie sind eine Projektionsfläche, über die verbotene Wünsche zumindest im Raum des Imaginären ausgelebt werden können. Indem sie als das Gegenüber erscheinen, das Andere als das Unmenschliche, helfen sie Gesellschaften bei ihrer Selbstdefinition und kollektiven Identitätsfindung. Alterität und Identität stehen in untrennbarem Zusammenhang. Kurzum: Wir brauchen die Monster für das Funktionieren unserer sozialen Gemeinschaften.

Während die Welt vieler Menschen im 18. und 19. Jahrhundert noch reichlich von Monstern bevölkert war, hat ihre Zahl seitdem drastisch abgenommen. Zeigte man vor 200 Jahren noch auf körperlich von der Norm abweichende Monster, so sind sie heute Objekte medizinischer Betrachtung. Die Monster sind massenweise in die Welt der Populärkultur migriert, wo sie sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen, auch wenn sie sich dort anderen Bedingungen ausgesetzt sehen. Ging in den frühen Jahren des Kinos, der Comics und der Schauerromane von ihrer Präsenz noch mediales Grauen aus, so haben sie heute offensichtlich große Teile ihres Schreckens eingebüßt und fungieren bisweilen nur noch als Witzfiguren.

Monster begegnen uns jedoch nicht nur in Büchern, Comics, Filmen, Videospielen und den dunkleren Ecken der menschlichen Fantasie, sondern tauchen auch immer wieder figurativ auf, wenn Menschen als Monster markiert werden. Dies geschieht etwa wenn einzelne Akteure Normen auf eine Art und Weise verletzen, die Zeitgenossen dazu verleitet, ihr sonst nur schwer erklärbares Handeln als per se unmenschlich zu sehen. Damit versichern sie sich auch einer im Prinzip noch funktionierenden, menschlichen Normalität. Und es scheint so, als wäre es in der Moderne gerade die Fehlerhaftigkeit des Wirklichen, welche als monströs erscheint. Wir können nicht ohne die Monster – wir werden sie nicht los. Auch wenn wir sie parodieren, im 20. Jahrhundert über sie lachen, sie vermenschlichen und Mitgefühl mit ihnen empfinden, wirken sie als verzerrte Spiegel der Gesellschaft und bleiben damit ihrem Namen treu.

In der jeweiligen Ausformung und Funktion der Monster liegt auch ihre Historizität, das heißt die geschichtliche Bedeutung, auf die diese Ausstellung hauptsächlich ihr Augenmerk richtet. Quellenorientiert soll an einzelnen Monstern gezeigt werden, in welchem Kontext sie entstanden sind und rezipiert wurden. Die Frage ist dabei auch, welche Bedingungen sie prägten, welche sozialen und kulturellen Diskurse sich in ihnen ausdrückten oder in sie hineingelesen wurden und wie sie sich über die Zeit veränderten.

Die Texte dieser Ausstellung bedienen sich im Rahmen ihrer Argumentation teilweise bekannterer oder größerer Narrative aus den Geistes-, Sozial- oder Kulturwissenschaften. Die Ausstellung stellt nicht den Anspruch, selbst eine große, stringente und konsistente Geschichte zu erzählen. Jeder ihrer Texte steht für sich und gleichzeitig in einem Gesamtzusammenhang. Themen, Ideen oder Argumente finden sich teils in mehreren Artikeln wieder, teils stehen Artikel im Widerspruch zueinander, wie auch die Monster der Moderne keine widerspruchsfreien Phänomene waren. Um die Themen, Ideen und Gemeinsamkeiten herum, die die Artikel durchziehen, haben sich dennoch umschließende Kategorien gebildet, die einen Binnenblick auf bestimmte Aspekte der Monster der Moderne anbieten sollen.

Magie und Monster leben. Zusammen mit der Wissenschaft.

 

Kapitelüberblick:

Technik & Wissenschaft

Rassismus & Kolonialismus

Zivilisation & Wildnis

Religion & Mystik

Körper & Psyche

Personen als Monster

Raum & Zeit

Gute & Böse

Mediale Rahmung & Charakter

 

Literatur:

  • Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am College de France (1974-1975), Frankfurt a.M. 2008.
  • Paul Goetsch, Mensch und Monster, in: Justin Stagl und Wolfgang Reinhard (Hrsg.), Grenzen des Menschseins. Probleme einer Definition des Menschlichen, Wien u.a. 2005, S. 555-571.
  • Thomas Macho, Ursprünge des Monströsen. Zur Wahrnehmung verunstalteter Menschen, in: Kirstin Breitenfellner und Charlotte Kohn-Ley (Hrsg.), Wie ein Monster entsteht. Zur Konstruktion des Anderen in Rassismus und Antisemitismus, Bodenheim 1998, S. 11-42.
  • Stefan Neuhaus, Von Monstern und Menschen. Figurationen des radikal Anderen in Literatur und Film, in: Sabine Kyora und Uwe Schwagmeier (Hrsg.), How to Make a Monster. Konstruktionen des Monströsen, Würzburg 2011, S. 157-171.