Das Monster Hitler

Er löst Unbehagen aus, der Blick auf ein anscheinend alltägliches Foto. Ein älterer Herr, der einem jungen blonden Mädchen das Kinn tätschelt. Woher rührt das Unbehagen? Es liegt nicht am Motiv, sondern an der abgebildeten Person: Es ist Adolf Hitler, der sich hier als der nette Onkel ablichten ließ. Das ist es, was den Betrachter verstört - war Adolf Hitler nicht ein Monster? Um die "Monsterisierung" Hitlers und die Konsequenzen daraus soll es in diesem Text gehen.

Das Bild stammt von einem unbekannten Fotografen. Es entstand in Heiligendamm und zeigt die 2-jährige Helga Susanne Goebbels, die erste Tochter der Familie Goebbels, Dr. Joseph Goebbels lachend im Hintergrund, sowie Adolf Hitler. Eine banale Szene an einem Strandweg im August 1933. Beim Betrachten des Fotos wird man gezwungen, die Dämonisierung Hitlers kurz in Frage zu stellen - wie kann denn ein Mann, der für unsägliche Verbrechen, einen Weltkrieg und den Holocaust verantwortlich ist, nett zu Kindern sein? Auffallend ist, dass auf einer großen Anzahl der auf dem Obersalzburg (mit Hitlers Genehmigung) entstandenen Fotos der Diktator mit Kindern zu sehen ist. Hitler war sich der Wirkmacht dieser Inszenierung wahrscheinlich durchaus bewusst. "Netter Onkel mit Kind" als Motiv kam an.

Allein 5,6 bis 6,3 Millionen im Holocaust ermorderte jüdische Opfer, und nach eher zurückhaltenden Schätzungen 50-56 Millionen Kriegstote sind die Bilanz der Schreckensherrschaft Adolf Hitlers. Ihn als Monster zu bezeichnen ist die naheliegende Konsequenz, dem Diktator die Menschlichkeit abzusprechen, die logische Reaktion. Der Versuch, Empathie mit Hitler zu fühlen, gestaltet sich für jeden humanistisch erzogenen Menschen schwierig. In der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erschien Hitler nach seinem Tod als das personifizierte Böse. Hitler, der Unmensch. Hitler, der Wahnsinnige. Hitler, das Monster.

Vielleicht war die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und insbesondere des Holocaust für die erste Generation nur durch diese Dämonisierung des Diktators möglich. Die Psychologie Hitlers wurde oft untersucht, sein psychopathisches Wesen von Biographen charakterisiert. In den letzten Jahrzehnten und Jahren ist die geschichtswissenschaftliche Erforschung des Nationalsozialismus über Hitlers "Monsterisierung" hinaus gegangen. Die Darstellung von Adolf Hitler als unmenschlichem Monster birgt nämlich eine Gefahr, auf die Hannah Arendt bereits in ihrer Beschreibung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem Anfang der 1960er-Jahre hingewiesen hat: sie lenkt den Blick ab von der Mitwirkung der anderen Täter, der "ganz normalen Männer" (Christopher Browning), die nüchtern, banal und funktional ihren Teil zur Ermordung von Millionen Menschen beitrugen - indem sie Formulare ausfüllten, Lager bauten, Eisenbahnen lenkten, Schießbefehle routiniert ausführten. Wer waren sie - Mitläufer, Täter, Monster?

Die Dämonisierung

Die andere Gefahr, die von einer Dämonisierung Hitlers ausgeht, ist die, den "Führer" zu mystifizieren. Dies kann zu einer Denkweise führen, in der die Mündigkeit und die Mittäterschaft der deutschen Bevölkerung aberkannt wird. Eine Analyse von Adolf Hitler als Mensch, nicht als Monster, ist letztlich nicht um seiner Willen geboten, sondern um all diejenigen in ihrem Handeln (ja, auch in ihrem "monströsen" Handeln) verstehen zu wollen, die ihm folgten. Das Monströse lag vielleicht vor allem im System selbst begründet, seiner menschenverachtenden Ideologie und dem Aspekt, dass viele der Täter annahmen, sie hätten für ein höheres Wohl gehandelt.

Fazit

War Hitler ein Monster? Dies zu bejahen wäre zu monodimensional. Hitler instrumentalisierte alle sozio-politischen Umstände und Gegebenheiten seiner Zeit, um seine tatsächlich monströsen Ziele zu erreichen. Dies führte dazu, dass er nach dem Aufbrauchen der menschlichen, kulturellen, ökonomischen und politischen Ressourcen auch sein eigenes Leben als verwirkt betrachtete. Im Frühjahr 1945 beendete er sein Leben durch seinen Suizid. Aber zahlreiche Täter lebten weiter, mit dem Wissen um ihre "monströsen" Taten.

von Christoph Müller

Literatur:

Hans-Joachim Neumann / Henrik Eberle, War Hitler krank? Ein abschließender Befund, Bergisch-Gladbach, 2009.

Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie,Hamburg, 2007.