Selbstbild der IB

Die Zielsetzung der Fahrt ist ebenso heterogen, wie das Selbstbild der Identitären. Die Identitären schwanken einerseits zwischen elitärer Gemeinschaft in Abgrenzung zur breiten verblendeten Masse und andererseits populistische Repräsentanten einer Volksmehrheit und Vertreter der  „wahren“ europäischen Identität. Das IB-Mitglied Till-Lucas Wessels berichtet, dass es anfangs primär darum ging, Solidarität zu zeigen. Sie wollten „die Griechen vor allem symbolisch unterstützen – waren aber auch bereit, im Zweifelsfall im Rahmen unserer Möglichkeiten mit anzupacken.“ [1].

IB-Gründer Martin Sellner formuliert die gewünschte Rolle der Identitären während der Griechenlandaktion etwas drastischer: „[..] die Gegend anzuschauen, und zu schauen, ob wir irgendwelche Stellen in der Grenze finden, die schlecht bewacht sind, wo wir vielleicht im Hinterland als Beobachtungsposten, als Patrouille, die griechischen Grenzpolizisten unterstützen können.“ [2]. 

Dabei ist Griechenland nicht nur irgendein Reiseziel, sondern ein symbolisch aufgeladener Ort. Das Logo der IB, das Lambda (der elfte Buchstabe im griechischen Alphabet), soll schon die Schilder der antiken spartanischen Hopliten geziert haben. Generell ist das Motiv der spartanischen Soldaten, des Hopliten (der Ästhetik nach dem Film „300“ von Zack Snyder angelehnt) schon vor der Griechenlandaktion ein Grundmotiv der IB, welches als Poster, Sticker, Pulloveraufdruck oder Karnevalskostüm Verwendung findet. Der eigene Onlineshop heißt Phalanx, so wie die antike Schlachtformation griechischer Hopliten. In einem der Videos, die bei der Rückreise am 9. März gedreht werden, verkündet Till-Lucas Wessels: „Unser Vorbild heißt [..] Leonidas.“ [3] . 

Leonidas, der legendäre König von Sparta, der in der berühmten Schlacht bei den Thermopylen im Jahre 480 v. Chr. dem persischen Heer von Xerxes I. an einem engen Gebirgspass mit angeblich nur 300 Spartiaten gegenübertrat und auf verlorenem Posten heroisch die Flut an Invasoren bis zum eigenen Tod bekämpfte, um seine Heimat zu retten. So sehen es zumindest die Identitären ( und so erzählt es auch der Film „300“). Die Geschichtswissenschaft sieht das etwas anders. Die modernen Griechen führen nun aber laut IB im März 2020 erneut einen Abwehrkampf des Abendlandes gegen das Fremde. In diese mystischen Fußstapfen möchten die AkteurInnen jetzt treten und mitwirken, obwohl der zu verteidigende Thermopylenpass ganze 997 km von der türkisch-griechischen Grenze entfernt liegt. 

Trotz dessen wird in einem Video von Martin Sellner im Titel schon das Motiv der Nachstellung der Schlacht vorweggenommen (s. Bild). Die Situation an der Grenze wird von der IB also mit der eines Krieges, den Perserkriegen im 5.Jahrhundert v. Chr., gleichgesetzt. Die Flüchtlinge werden so zu Invasoren umgedichtet, die durch die spartanische Phalanx der IB aufgehalten werden müssen. Die Identitären konstruieren also eine ahistorische Konstante, ein schon immer dagewesenes Narrativ von der Verteidigung des Abendlandes durch die Griechen, in das sie sich einreihen können und dadurch auch die Legitimität für ihre Aktionen erhalten. Nach dem Grenzübertritt nach Griechenland werden die AkteurInnen allerdings von Zivilfahndern kontrolliert, die ihnen den Besuch der Grenze verwehren.

[1]Wessels, Till-Lucas: An der Grenze Europas. 19.03.2020. https://sezession.de/62299/an-der-grenze-europas. Abgerufen am 14.04.2020

[2]Martin Sellner: Verteidige Griechenlands Grenze – in deiner Stadt!, 05.03.2020 https://www.youtube.com/watch?v=VRZIKjGTFE0, Min 00:50. Abgerufen am 18.03.2020

[3] Identitäre Bewegung: Gigantische Flüchtlingswelle bedroht Europa – Identitäre stehen zu Griechenland, 10.03.2020. https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=a_3pbmDE6XE, Min 04:02. Abgerufen am 18.03.2020