Institut für Staatspolitik und Sezession

Affordanzen und Retweeten als Mediepraktiken für die Neue Rechte

Mit dem Aufkommen von sozialen Medien hat sich das Feld in dem Inhalte verbreitet, Kämpfe geführt und Meinungen ausgetauscht werden vom ‚realen Leben‘, in dem Menschen sich physisch eine Raum teilen, hin zu sozialen Netzwerk verschoben. Netzwerke wie Facebook, Instagram, Twitter oder TikTok werden von Jahr zu Jahr wichtiger für einen sozialen Austausch und dem schnellen Verbreiten von Neuigkeiten. Im 21. Jahrhundert gibt es kaum eine öffentliche Instanz oder Partei welche nicht über eine Webseite und einen Social-Media Account verfügt. Das Internet ist im europäischen Raum elementarer Teil von Bewegungen und Instanzen. 

Demnach ist es sehr wichtig für Ethnograph*innen ihr Forschungsfeld auch auf diese Welt auszuweiten. Das Leben im Internet als nicht real zu bezeichnen funktioniert nicht, es ist Teil des Lebens aller Menschen geworden und hat eine großen Einfluss auf sie, wie auch die Menschen Einfluss auf die Medien haben.

Eine relativ große neu-rechte Bewegung ist das „Institut für Staatspolitik“ welches von Götz Kubitschek gegründet und nun von Erik Lehnert geleitet wird. 

Das Institut für Staatspolitik (IfS) ist Organisationsplattform und eine „Denkfabrik“ für die neu-rechte Bewegung, die sich zum Ziel erklärt hat konservative Bildungsarbeit anzubieten und dem Klischee des ungebildeten Nazi entgegen zu wirken. Mit einer designtechnisch sehr hochwertigen Website positioniert sich das IfS klar als patriotisch und lässt die Ideologie der Menschen die dahinter stehen stark durchblicken. Es gibt ein sog. „Staatspolitisches Handbuch“ welches aus fünf Bänden besteht und Leitbegriffe, Schlüsselwerke, Vordenker und Daten über Deutschland beinhaltet. In der Kategorie „Ideologienkunde“ lassen sich die Leitmotive und Überzeugungen nach kurzem lesen nicht mehr leugnen. Das IfS steht für den Erhalt des Vaterlandes und den weißen Deutschen ein. Dabei ist es ihnen besonders wichtig Geschichte aus ihrer Sicht darzustellen und auf deutsche Traditionen einzugehen. Als Nazis betitelt zu werden gefällt ihnen gar nicht, dennoch zeigen sie sich klar nationalistisch und geschichtsverherrlichend. Das lässt sich auch an den Sprecher*innen bei den Sommer- und Winterakademien erkennen. Zweimal jährlich veranstaltet das IfS eine Akademie bei der junge Leute an Vorträgen, Workshops und weiterem Programm teilnehmen können. Dafür werden bekannte Nationalisten, Faschisten und Patrioten eingeladen, wie bspw. Martin Sellner, Bernd Höcke oder Alexander Gauland. 

In der Debatte um Georgy Floyd, ein PoC aus den USA welche durch Polizeigewalt ermordet wurde, haben sie sich auf die Seite der Menschen gestellt die ‚White Lives Matter‘ verbreiten und Artikel mit Statistiken veröffentlicht, die erklären warum nicht die Polizei rassistisch ist, sondern warum BiPoC ‚natürlich‘ gewalttätig sind. 

Zu dem IfS gehört unter anderem auch die Zeitschrift „Sezession“, welche regelmäßig in Druckversion erscheint und sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen aus rechtspopulistischer Sichtweise auseinander setzt. 

„Sezession“ hat auch eine gute online Präsenz – eine Webseite mit allen Artikeln, Kurzinformationen darüber welche Menschen daran mitwirken und einem Überblick über die politische Überzeugung der Zeitschrift. Zudem haben sie einen öffentlichen Twitter Account „SiNetz“ – Sezession im Netz. Über diesen Account werden die aktuellen Artikel geteilt, politische Debatten geführt und gegen Menschen gehetzt welche sich klar gegen Sezession und dem IfS aussprechen. Der Twitter Account wird sehr fleißig bespielt und ist stets und ständig aktuell. Es ist also ein stark genutztes Medium des IfS und der Sezession. Hauptsächlich nutzen sie ihn um ihre Informationen zu verbreiten und die Website-Präsenz zu erhöhen. 

Um besser zu verstehen wie das IfS und die Sezession arbeiten werden im folgenden bekannte Medienpraktiken vorgestellt und anhand von Beispielen von SiNetz erklärt.

Affordanzen

Affordanzen als Begriff beschreibt das Zusammenspiel von Gegenstand und Nutzer*in im praktischen Gebrauch. Die Art wie ein Objekt geschaffen ist beeinflusst die Möglichkeiten der Nutzung – aus einer Tasse können Menschen trinken, aber zum Schreiben ist sie nicht geeignet. Wie Dinge gebraucht werden hängt also zum Einen von den Eigenschaften des Objektes ab, zum Anderen von der Person die es benutzt. Wie und Wofür ein Objekt genutzt wird hängt wiederum von den sozialen Gewohnheiten und Sitten den Menschen ab. Manche Menschen trinken bspw Suppe aus einer Schüssel, andere löffeln sie.

Im Zusammenhang mit Online Forschung – Digitalanthropologie – geht es vor allem um das Zusammenwirken von Nutzer*innen, Technologie und Medienpraktik.

Bestimmte ‚Objekte‘ in einem Online Forum, wie ‚Like-Buttons‘ wirken auf Menschen ein und fordern sie dazu auf einer bestimmten Thematik zuzustimmen bzw. sie gut zu heißen. Es ist im Generellen sehr spannend, dass es fast nirgends einen Dislike-Button gibt, sondern nur Like-Button. Wie genau mit einem Like umgegangen wird, ist abhängig von dem Medienwissen einer Person. Wie angemessen ‚gelikt‘ wird erfolgt also nicht nach einem bestimmten Bewusstsein darüber, eher ist es intuitiv und angewöhnt. So wissen Menschen auch was sozial angesehen ist zu liken und was sie lieber nicht liken sollte. 

Eine Affordanz ist kommt also zusammengefasst zwischen den Nutzer*innen, der Technik und den Medien zum Vorschein. 

Eine der viel genutzten Medienpraktiken der Sezession ist die des Retweetens. Besonders das soziale Medium Twitter lebt vom Retweet – eine Person schreibt etwas und teilt es mit den Follower*innen, eine andere Person die den Tweet in der Timeline angezeigt bekommt findet den Inhalt teilenswert – und macht einen Retweet. So lässt sich ein Post 100- oder 1000-fach teilen und gewinnt an Aufmerksamkeit. Bei Twitter funktioniert dieses Konzept hervorragend und Tweets werden anstatt sie abzuschreiben einfach retweetet. Umso öfter ein Tweet geteilt wird, umso mehr gewinnt er auch an Reputation und in gewisser Weise an Macht. Bei einem Retweet kann eine Person den Post kommentarlos teilen oder es quasi als neuen, eigenen Post nutzen und noch eine Meinung dazu schreiben.

So können beispielsweise Posts auch kritisiert oder lächerlich gemacht werden. Retweeten besteht also daraus schon geteilte Inhalte in irgendeiner Weise zu bewerten – entweder durch kommentarloses Teilen um dem Tweet mehr Reichweite zu verschaffen oder mit Kommentar um anderen Menschen kenntlich zu machen wie der eigene Standpunkt zu dem Tweet ist.

Im praktischen Beispiel am SiNetz lässt sich erkennen, dass Affordanz in Verbindung mit dem Retweet eine viel genutzt Mediepraktik ist, welche für ihre Zwecke hervorragend funktioniert,

SiNetz retweetet hauptsächlich um eigene Meinung zu verbreiten. Oft erfolgt ein Retweet von einer Person die Teil der Sezession ist, wie Martin Lichtmesz und Benedikt Kaiser, zwei Journalisten die regelmäßig für Sezession schreiben und zudem auch aktiv bei Twitter sind.

Ellen Kositza, die Frau des (Mit-)Begründers von Sezession, wird auch sehr häufig retweetet.

So erhöht sich die Aufmerksamkeit auf Charaktere von Sezession und damit auch auf die Zeitschrift an sich. Da das Konzept von Sezession ist immer wieder die gleichen Journalist*innen Artikel schreiben zu lassen, ist Twitter für sie eine erfolgreiche und leicht zu nutzende Werbetrommel – sowohl für die Zeitschrift als auch für die Personen die an der Zeitschrift mitarbeiten. 

Des Weiteren werden Posts von aktuellen rechtspolitischen Debatten geteilt und retweetet, wie bspw von Martin Sellner oder AFD-Mitgliedern. So kann immer wieder auf die Meinung die Sezession vertritt aufmerksam gemacht werden. Es ist auch zu erkennen mit welchen politischen Kalibern sie sympathisieren und wie sich selbst damit einordnen. 

Es werden zudem viele Posts retweetet, die sich mit bestimmten Begrifflichkeiten auseinander setzen, wie Ethnopluralismus oder Rechtsextremismus. Diese sind oft dann in der Sezession veröffentlicht worden.