Autor/enMeyer, Fritz
TitelVortrag über Berthold Otto
Orto.O.
Datum1911/12
Anmerkungen[I.2.3.; Prinzip des organischen Wachstums] "Und so empfinde ich ..., beinahe als Größtes an Berthold Otto's Anschauungen die Befreiung unseres Geisteslebens von allem Zwang, von aller Systematik, von allem Schema. Es ist das Prinzip des organischen Wachstums , das scheint mir eine ganz neue Auffassung unseres Geisteslebens und das scheint mir ganz neue und weitgehendste Möglichkeiten für unser geistiges Leben selbst zu eröffnen." (S.2) .............................................................. [I.4.2.; Schule, Ziel] "Und darum muß ich zunächst von dem sprechen, was die Schule als gesellschaftliche Einrichtung sich als Ziel gesetzt hat. Schon daß sie sich ein Ziel gesetzt hat, verstößt vielleicht gegen unser Prinzip des organischen Wachstums; denn es heißt, daß wir unsere Kinder zu etwas ganz Bestimmten, was wir für besonders erstrebenswert halten, hinführen wollen. Organisches Wachstum heißt aber, frei wachsen lassen." (S.3) .............................................................. [I.3.2.; Bildungsideal] "Kein bestimmtes Bildungsideal mehr. Wir haben zu jedem menschlichen Geiste das unbedingte Zutrauen, daß er aus sich heraus zu einer organischen Einheit wird." (S.4) .............................................................. [I.2.2.; Erkenntnistrieb] "Jeder kindliche Geist hat eben ein ganz starkes Wachstumsbedürfnis, d.h. einen starken Erkenntnistrieb." (S.5) .............................................................. [I.2.2.; II.8.; Prinzip der Isolierung der Schwierigkeiten] "Was gelernt werden soll, darüber haben also die Kinder zu bestimmen. Nun aber wie? Und da antwortet Berthold Otto: Streng nach dem Prinzip der Isolierung der Schwierigkeiten." (S.7) .............................................................. "Die Psychologie soll uns also zum Verständnis des kindlichen Geistes helfen. Berthold Otto verlangt also eine ganz genaue Beobachtung der Entwicklung des kindlichen Geistes." (S.8) .............................................................. [I.2.2.] "Um dem Kinde etwas ganz klar machen zu können, durfte für das Kind in der Sprache des Lehrers nicht die geringste Schwierigkeit liegen, d.h. also, der Lehrer hat sich mit seiner Sprache durchaus dem Kinde anzupassen, er hat die Sprache des Kindes zu sprechen und so fand Berthold Otto, daß man in der Entwicklung der Sprache der Kinder immer gewisse Stufen unterscheiden kann, und so trat er zu einer Altersmundart der Sechsjährigen, Achtjährigen, Zehnjährigen usw., womit natürlich durchaus keine festen Normen gegeben sein sollten." (S.8) .............................................................. [II.8.; Unterricht, Lehrer] "Also im Unterricht darf nicht das geringste Unverstandene stecken bleiben. Wir Lehrer haben die verdammte Pflicht, alles, auch das Letzte, zu erklären und nichts Dogmatisches zu überliefern." (S.10) .............................................................. [II.8.; Unterricht] "Es ist ganz selbstverständlich, daß im selben Augenblick, wo der Unterrichtszwang wegfällt, auch jeder Betrug ausgeschlossen ist. Wozu auch? Wenn das Kind irgend etwas nicht weiß, so fragt es eben. Der Lehrer ist ja dazu da, seine Fragen zu beantworten, und dann gibt es natürlich ja keine Extemporalien und dann ist ja das Kind im allgemeinen nur an den Kursen beteiligt, die es besonders interessieren, ..." (S.11) .............................................................. [I.4.2.; Einheitsschule, Schule] "Es ist selbstverständlich, daß unsere Schulen als Staatseinrichtung dadurch von Grund auf verändert werden. Es gibt nur noch eine allgemeine Schule, der alle Kinder angehören, ganz gleich, ob von armen oder reichen Eltern." (S.11) .............................................................. [I.2.3.; Volksorganismus] "Berthold Otto hat es versucht, unsere Staatseinrichtungen sozialistisch zu durchdenken." (S.12) .............................................................. "Ein Organismus ist stets streng in sich gegliedert, und je höher der Organismus, desto differenzierter ist er, und so muß unser Volksorganismus ebenfalls ein kompliziertes, in seinen Teilen höchst verschiedenartiges Gebilde sein. Und nun sehen wir auch, wie da eine Vereinigung von Individualismus und Sozialismus möglich ist, nämlich: Die Zelle im Pflanzenorganismus soll nichts weiter sein als eben Zelle, soll aber als Zelle sich frei ausleben, wenn man das von einer Zelle sagen darf. Wir moderne Menschen wollen eben auch nichts anderes sein als was wir sind und fühlen: Staatsbürger. Wir sind eben Teil unseres Volksorganismus und können so eigentlich gar nichts anderes als Sozialist zu sein." (S.12/13) .............................................................. "Also unser Volk ist ein großer Organismus, und unser Volksgeistesleben also ebenso etwas Organisches. Und unser Geistesleben wiederum nur Teil des Volksgeistesleben." (S.13) .............................................................. [Wissenschaft] "Denn letzten Endes ist überhaupt alle Wissenschaft eine Unmöglichkeit. Es ist wirklich nicht so, daß man sich einen Schatz von Wissen aufspeichern kann, den dann jede Generation etwas vermehren kann. So bequem ist es wirklich nicht. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als alles immer wieder von vorne anzufangen. Aber, wie schon gesagt, beweist das durchaus nicht, daß das Verhergeleistete nutzlos für uns wäre. Und so kann also die Wissenschaft nie zu endgültigen Ergebnissen kommen, eben weil unser Geist nie aufhört zu wachsen." (S.14)
ArchivB.-O.-S./II/B/H/I/2
SignaturB.-O.-S./II/B/H/I/2 [40]
SchlagworteAlter
Altersmundart
Bildung
Bildungsideal
Einheitsschule
Erkenntnistrieb
Lehre
Lehrer
Lehrer und Schüler
Otto, Berthold
Psychologie
Schule
Schüler
Unterricht
Volk
Volksgeist
Volksgeistesleben
Vortrag
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