Der Treck – Fotografien einer Flucht 1945
Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Kristina Funk (sie/ihr)
Auf der ca. 450 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche des Raumes für Sonderausstellungen im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung wird mit Der Treck – Fotografien einer Flucht 1945 eine Ausstellung gezeigt, die sich mit der ab 21. Januar 1945 beginnenden Flucht vor der Roten Armee von etwa 350 Deutschen aus dem niederschlesischen Lübchen (heute: Lubów in Polen) Richtung Westen befasst. Die Ausstellung besteht hauptsächlich aus 140 Fotografien des Trecks von Hanns Tschira und dessen Assistentin Martha Maria Schmackheit, die selbst Teil des Trecks waren, da Tschiras propagandistische Bildagentur Tschira-Bilderdienst mit Sitz in Berlin aufgrund eines Bombenangriffs im Jahr 1943 nach Lübchen evakuiert worden war. Das Fotografieren von Fluchtbewegungen war verboten, was die Existenz dieser Sammlung besonders macht. Beim Betreten der Ausstellung dominiert direkt am Eingang eine große, mittig aufgestellte Wand mit dem Aufdruck einer der schwarz-weißen Fotografien aus der Ausstellung, die die Wägen und Kutschen des Trecks in einer winterlichen Landschaft zeigt. Somit werden die Besucher:innen bereits zu Beginn mit für Migrationsdiskurse typischen (Bild-)Motiven konfrontiert. Dies regt vor dem weiteren Durchlaufen der Ausstellung zum Reflektieren des eigenen Wissensstands, aber gegebenenfalls auch zum Hinterfragen möglicher Vereinfachungen im Denken an.
Die Ausstellung lässt eine inhaltliche Zweiteilung erkennen: Ihre erste Hälfte besteht aus den Fotografien und Erklärtafeln sowie stellenweise aus handgeschriebenen Notizen von Tschira und Schmackheit zum Treck. Man läuft an der Reihe von Fotografien an den Wänden entlang, geht also sinnbildlich ein Stück Wegs mit den Migrant:innen und verfolgt die Erzählung über die Flucht. Durch das kleine Format der Bilder müssen die Besucher:innen nahe herantreten, um Details erkennen zu können. Dabei wird die Historizität des Materials der Fotografien sichtbar – vor allem durch die leichte Welligkeit des Papiers. Das Narrativ um die Flucht wird von einer großen Landkarte zu Beginn des ersten Teils der Ausstellung unterstrichen, die aufzeigt, mit welch geringem zeitlichen Abstand und damit auch unter welch großem Druck die deutschen Geflüchteten vor der Roten Armee an den einzelnen Orten der Route eintrafen. Obgleich durch die beschriebene Darstellung ein Gefühl des Miterlebens erzeugt wird, gibt es auf der anderen Seite einige Mittel, um Distanz herzustellen, sodass die Besucher:innen nicht vergessen, dass das Thema Migration von Nicht-Betroffenen nicht gänzlich nachempfunden werden kann und sie das Dargestellte vor dem Hintergrund der Täter:innenschaft Tschiras und Schmackheits kritisch betrachten können. Beim Lesen der Erklärtexte tun sich oftmals Lücken im Bildbestand auf. Es wird deutlich, dass die Bilder bestimmte konventionelle Motive zum Thema sehr häufig zeigen (darunter Wägen, Kutschen und Karawanen, häufiges Abbilden von Frauen, Kindern und alten Menschen), während andere Aspekte der Flucht nicht oder zumindest nicht direkt in den Bildern aufgegriffen werden – wie beispielsweise das Thema Tod.
Der zweite inhaltliche Teil der Ausstellung liefert tiefergehende kontextuelle Einordnungen. Zunächst erhalten die Besucher:innen vertiefte Informationen zu Tschira und seiner Arbeit als Fotograf für das Propagandaministerium im NS-System. Zwei der drei Objekt-Glaskästen der Ausstellung zeigen in großen, aufgeschlagenen Bildbänden mit Fotografien Tschiras dessen imperialistische sowie exotisierende Bildsprache des Fotografen und verdeutlichen das Einbeziehen eigener Familienmitglieder in Bilder für die NS-Propaganda. Im Kapitel „Lübchen 1945“ geht es darum, wie sich die Deutschen, die 1945 aus Lübchen flohen, nach dem Treck verstreuten und inwiefern sie Kontakt hielten. Im Abschnitt „Lubów“ wird kurz geschildert, aus welchen Gruppen sich die Bevölkerung in Lubów nach dem Krieg primär zusammensetzte. Das Kapitel „Fluchtbilder in der Erinnerung“ zeigt, dass Tschiras und Schmackheits Fotografien ab den 2000er Jahren vermehrt in Medien und Schulbüchern aufgegriffen wurden. Im Zuge dessen wird die vermeintliche Neutralität von Fotografien bzw. Fotografien zu Migration, von der oft einfach ausgegangen wird, kritisiert. Die letzte Wand der Ausstellung trägt den Titel „Spurensuche“ und präsentiert Farbaufnahmen des Fotografen Thomas Meyer, die das heutige Lúbow zeigen.
Zusammenfassend hat sich für mich der Eindruck ergeben, dass das, was die Ausstellung ausmacht, nicht unbedingt ist, die Fotografien für sich sprechen zu lassen, sondern diese durch Kontext anzureichern und kritisch einzuordnen. Der Aufruf, Fotografien zu Migration zu hinterfragen und sich mit ihrem Kontext zu befassen, zieht sich durch die Ausstellung. Es werden Konventionen und typische Motive von Migration in der Fotografie anhand von Tschira und Schmackheit gezeigt und problematisiert. In Erklärtexten angesprochene Auslassungen in den Fotografien verdeutlichen die Schwierigkeit des Einfangens der Komplexität von Migration. Weitere, auch aktuell viel besprochene Themen können zwar nicht tiefergehend behandelt werden, werden aber dennoch nachrangig aufgegriffen, etwa die kolonialistische/imperialistische Bildsprache Tschiras oder die Rolle der Frauen, da Männer größtenteils für den Kriegseinsatz zurückbleiben mussten. Bezüglich der Thematisierung von Geschlechterrollen hätte ich eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Rolle Schmackheits und ihrem Verhältnis zu Tschira sinnvoll gefunden.
Der zentrale Kritikpunkt an der Ausstellung ist für mich jedoch, dass die Täter:innenrolle Tschiras und Schmackheits erst im zweiten Teil der Ausstellung konkret behandelt wird. Außerdem sind in den Fotografien zahlreiche Deutsche dargestellt, die in den Beschreibungen teilweise namentlich genannt werden, von denen die Besucher:innen jedoch nicht wissen, was möglicherweise ihr Hintergrund im NS-Regime war, bevor sie nach Schlesien kamen. Schließlich flohen auch Tschira und Schmackheit nicht vor dem NS-Regime, sondern waren ein Teil desselben und profitierten davon. Neben der Problematik, dass der Treck grundsätzlich als homogene Gruppe dargestellt wird, ist also meinem Eindruck nach auch die Frage nach der Täter:innenschaft nicht ausreichend behandelt worden bzw. auf Ausführungen zu Tschira und Schmackheit und der allgemeinen Rolle von Propaganda im NS-Regime im zweiten Teil der Ausstellung beschränkt worden. Die Gefahr der Gleichsetzung von verschiedensten Gruppen von Migrant:innen und die unzureichende Behandlung der Frage nach Täter:innenschaft besteht nicht nur innerhalb der besprochenen Ausstellung, sondern in Bezug auf das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung und Versöhnung im Allgemeinen. Das Dokumentationszentrum hat sich zur Aufgabe gemacht, sowohl auf die Flucht von Deutschen im Zuge des Nationalsozialismus als auch auf Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration im europäischen und gar globalen Kontext gleichzeitig einzugehen. Inwieweit dabei differenziert genug auf das Thema der Täter:innenschaft der Deutschen und die unterschiedlichen Hintergründe der einzelnen Gruppen an Flüchtenden eingegangen wird, bleibt fraglich.
Der Treck – Fotografien einer Flucht 1945
1.6.2025 - 28.1.26
Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Stresemannstraße 90
10963 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-19 Uhr
Eintritt: frei
https://www.flucht-vertreibung-versoehnung.de/