„Spleen“ by Roméo Mivekannin
Galerie Barbara Thumm
Flora Li Thiemann
Roméo Mivekannin wurde 1986 in Bouaké in der Elfenbeinküste geboren. Sein Schaffen umfasst Neuinterpretationen kunsthistorischer Werke in Malerei und Installation mit dem Ziel, den kolonialen Blick auf Unterrepräsentierte und „unspoken (non dits)“ aufzuzeigen. Die Ausstellung Spleen besteht aus elf Kunstwerken, großformatigen Laken-Leinwänden, die über den Raum verteilt frei hängen.
„Der Orient war nachgerade eine europäische Erfindung – und bereits seit der Antike ein Ort der Romantik, exotischer Wesenheiten, eindringlicher Erinnerungen und Landschaften und außergewöhnlicher Erlebnisse“
(Edward Said, Orientalismus, 1978)
Mit diesem Zitat startet der Beitext von Susana Turban Botero zu Roméo Mivekannins Ausstellung. Denn der Künstler macht in seinen Bildern auf den Orientalismus nach Said aufmerksam, spielt mit ihm und kritisiert ihn. Mivekannin bezieht sich auf historische Werke europäischer Maler, die den sogenannten Orient aus ihrer Perspektive unter Verwendung von Stereotypen inszenierten. Diese Werke greift er auf und verändert sie. In seiner Ausstellung ersetzt Mivekannin die Gesichter der dargestellten Figuren mit seinem eigenen Schwarz-Weiß-Porträt, welches die Betrachtenden in jedem Werk direkt anschaut. Er nennt dieses Verfahren „visuelle Irritation“. Den objektifizierten, passiven Figuren wird dadurch eine aktive, handlungsfähige Rolle zurückgegeben.
Der Ausstellungsraum der Galerie ist vollkommen weiß und ahmt die Optik eines leeren Hauses von innen nach, da ein Dach den Raum bedeckt. Das erste Kunstwerk hängt an der Wand des Eingangsbereichs. Die zehn weiteren Leinwände sind im darauffolgenden Raum positioniert. Zwei große Kunstwerke sind Rücken an Rücken in der Mitte des Ausstellungsraumes platziert und bilden so eine Raumtrennung. Die Werke haben keine Untertitel oder Beitexte, sondern stehen für sich. Jedoch gibt es einen zusammenfassenden Text zur Ausstellung im Eingangsbereich. Die Kunstwerke greifen Motive berühmter Gemälde von Künstlern wie Jean-Léon Gérôme, Jean-Éttiene Liotard oder Leopold Carl Müller auf, die den sogenannten Orient exotisierend, erotisierend und stereotyp darstellten. Die Motive umfassen alltägliche, häusliche Szenen in inszenierten Innenräumen mit Wandteppichen und extravaganten, bunten, mit Ornamenten und filigranen Mustern besetzten Gewändern sowie Portraits mit typisch orientalistischen Attributen wie einem gehäuteten Tier. Die so dargestellte Andersartigkeit im Gegensatz zur westlichen Welt wird von den Künstlern hervorgehoben und ausgeschmückt, was ein stereotypes Orientbild aus westlicher Perspektive konstruiert und bestärkt.
Näher möchte ich auf das Werk After Émile Vernet-Lecomte, Tinco Martinus Lycklama eingehen. Vernet-Lecomte bildet in seinem Gemälde den europäischen Adligen und Reisenden Tinco Martinus ab, der von einer weiteren Person bedient wird. Martinus wird mit typisch orientalischen Attributen gezeigt: bunter, für den Westen exotischer Kleidung und einem Turban. Die zweite Figur wird deutlich kleiner und bedienend abgebildet, sie reicht ihm eine Karaffe. Auch die bedienstete Person erscheint in bunter Kleidung, jedoch ist diese nicht so prunkvoll wie die des Europäers. Diese Inszenierung zeigt ein eindeutiges symbolisches Machtgefälle, in der der europäischen Figur ein höherer Status zugewiesen wird. Es wird nicht nur die „vom Westen entdeckte“ Andersartigkeit inszeniert, sondern ebenso das koloniale Machtgefälle verdeutlicht und verstärkt.
Mivekannin wählt Werke mit dieser Thematik aus, um jene Strukturen zu brechen. In After Émile ersetzt er das Gesicht der bedienenden Figur durch sein eigenes. Die Figur erhält dadurch Aufmerksamkeit und aktive Kraft, die sie aus ihrer passiven und objektinfizierenden Darstellung ausbrechen lässt: ein künstlerischer Ansatz, der auf die westliche Kreation des Orients aufmerksam macht und den erforschten Figuren eine subjektive Stärke zurückgeben möchte. Signifikant für Mivekannins Werke ist außerdem die Materialwahl. Als Grundlage dienen alte Bettlaken, die in Elixierbädern getränkt und von den Voodoo-Ritualen Benins, woher Mivekannins Familie stammt, inspiriert wurden. Somit erhalten die Werke einen spirituellen, heimatlichen, originalen Wert.
Die aktive Rolle der Werke
Das erste Werk gleich am Eingang zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Als betrachtende Person wird man von dem Werk buchstäblich schon beim Eintreten angestarrt. Das hineingesetzte Schwarz-Weiß-Gesicht Mivekannins richtet den Blick direkt auf die Betrachtenden. Man wird beobachtet und sofort in die Ausstellung eingebunden. Sobald man den Ausstellungsraum betritt, wird man förmlich von beobachtenden Blicken aller Werke umzingelt. Jedes in die abgebildeten Figuren eingesetzte Schwarz-Weiß-Porträt des Künstlers schaut dich an. Du wirst beim Beobachten beobachtet. Die Werke vermitteln somit Kraft. Sie werden lebendig und haben etwas auszusagen. Sie machen wie von selbst auf sich aufmerksam und bekommen eine aktive Rolle, die in Interaktion mit den Anblickenden entsteht. Dass den Werken keine Untertitel oder Begleittexte zugeordnet sind, unterstützt die bildliche, künstlerische Wirkung und gibt den Betrachtenden den Freiraum, die Bilder emotional und intuitiv auf sich wirken zu lassen, anstatt sich sofort auf die informative Ebene einzulassen. Der Ausstellungsraum der Galerie erzielt ebenfalls eine spezifische Wirkung. Die schon beschriebene Optik und Form eines Hauses von innen schafft einen heimatlichen, privaten, intimen Raum, in dem die Bilder hängen. Diese Zusammenführung schafft für das Publikum den Eindruck, in einen persönlichen Space einzudringen, der eine intime Geschichte erzählt.
Dekoloniale Perspektive auf koloniale Machtverhältnisse
Mivekannins Ausstellung Spleen gelingt es, auf koloniale Machtverhältnisse zwischen der westlichen Welt und den unter dem konstruierten Begriff „Orient“ zusammengefassten vielfältigen Ländern und Kulturen aufmerksam zu machen. Durch seinen Ansatz, historische, stereotypisierende und exotisierende Werke aufzugreifen, verweist der Künstler auf das Machtgefälle und die Objektifizierung von Menschen und Kulturen als Forschungsgegenstand des Westens.
Gleichzeitig schlägt er durch sein künstlerisches Verfahren, die bestehenden Kunstwerke zu verändern, eine dekoloniale Perspektive vor. Die Werke und Missstände werden kritisiert, und es wird eine neue Kraft vermittelt. Durch das Einsetzen seines eigenen Gesichtes, welches die Beobachtenden – uns – beobachtet, kehrt sich das Konstrukt um: Nicht mehr die westliche Welt schaut auf den konstruierten, von außen erforschten Orient, sondern die bisher zum Objekt gemachten Figuren schauen nun aktiv auf die Betrachtenden. Sie werden zum Subjekt, ihnen wird Menschlichkeit und Stärke gegeben. Die Blicke vermitteln eine Aufforderung: das Publikum wird emotional zum Umdenken und Überdenken angestoßen. Damit leistet die Ausstellung einen Beitrag zur Dekolonialisierung und ruft dazu auf, die Konstruktion des Orients kritisch zu hinterfragen.
Spleen
1.5. - 21.6.2025
Galerie Barbara Thumm
Markgrafenstrasse 68
D-10969 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag 12-18 Uhr
Eintritt: kostenlos
https://bthumm.de/exhibitions/romeo-mivekannin-spleen/