Ver/sammeln antirassistischer Kämpfe – ein offenes Archiv
FHXB Friedrichshain Kreuzberg Museum
Maria Hartinger
Einleitung
Migration ist ein zeitloses komplexes Thema, welches noch nicht seit allzu langer Zeit einen Platz in Museen hat. In dem Seminar „Museum und Migration“ werden die beiden Punkte verbunden. Es wird darüber geforscht, inwieweit Migration in Museen dargestellt wird, werden sollte und wo es möglicherweise Leerstellen gibt. Um dem Verhältnis von Museum und Migration nachzugehen, habe ich die Dauerausstellung Ver/sammeln antirassistischer Kämpfe – ein offenes Archiv im Museum Friedrichshain-Kreuzberg direkt am Kottbusser Tor besucht. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Kampf gegen Rassismus in Deutschland. Denn viele Menschen erfahren Rassismus, ob eingewandert, durchreisend oder hier geboren – Menschen kämpfen seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Veränderung. Ihre Geschichten und Perspektiven bleiben jedoch meist unsichtbar und unerzählt. Ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Stimmen werden instrumentalisiert oder fehlen in der Erinnerungskultur und in offiziellen Archiven. Um diese Geschichten vor der Unterdrückung zu schützen, werden sie im Raum der Ausstellung gesammelt. Dafür wird vor allem mit Betroffenen und Aktivist:innen zusammengearbeitet. Ziel ist es, die Geschichten aus ihrer Sicht zu erzählen. Um das Wissen der Kämpfe gegen Rassismus zu sammeln, wird die Zeit ab den 1950er Jahren bis zur Gegenwarte in den Fokus gesetzt. Jede Person kann ein Teil der Ausstellung werden, denn das Archiv soll auch ein Ort für den Austausch werden.
Institution/en
Das Archiv ist Teil des großen Forschungsprojekts Ver/sammeln antirassistischer Kämpfe. Zusammengearbeitet wird mit Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen mit größeren Institutionen. Die Georg-August-Universität in Göttingen, das FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, die Fachhochschule Kiel, sowie das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e. V. sind Teil des Projekts. Sie beraten gemeinsam über das Vorgehen, die Funktionen und Ziele des Sammelns von Geschichten im Archiv. Da auch Besucher:innen einbezogen werden und selbst auch Teil des Archivs werden können, ist das „Wir“, von dem beispielsweise in der Informationsbroschüre die Rede ist, weit definierbar und schließt viele Menschen ein, vor allem aber Betroffene. Ich denke, die Ausstellung möchte möglichst viele Menschen erreichen, da die Thematik so wichtig ist und nicht ins Vergessen geraten darf. Mit ihrer Hilfe können aktuelle Bezüge hergestellt werden und der Sachverhalt erlangt Sichtbarkeit. Gefördert wird das Projekt durch die Bundeszentrale für politische Bildung.
Persönlicher Eindruck des Besuchs
Die Dauerausstellung ist im ersten Obergeschoss des Museums und befindet sich in nur einem Raum. Als Erstes fallen die großen Fotografien in Schwarz-Weiß auf. Sie hängen von der Decke. Sehr präsent sind außerdem die Hauptinfotexte auf weißen Bannern und an der Wand, der runde schwarze Tisch in der Mitte und die Regale mit den schwarzen, nach Jahrzehnten unterteilten Boxen am linken und rechten Rand des Raums. Auch wenn das Archiv auf der linken Seite mit 1950 begann, bin ich erst einmal nach rechts gelaufen, was sich als sinnvoll herausstellte, denn dort gab es einen Informationstext zur Ausstellung und zum Herstellen des Archivs. Außerdem war dort auch das letzte Regal mit dem aktuellen Jahrzehnt platziert. Danach kann man entscheiden, eine Reise in die Vergangenheit zu machen, indem man zum Start in den 1950ern des Archivs geht. Ich habe mir jedoch erst einmal alle Fotografien und ihre Bildunterschriften angeschaut. Es sind hauptsächlich Momentaufnahmen von Kundgebungen und Demonstrationen. Alle Texte und Bildunterschriften sind in deutscher und englischer Sprache geschrieben. Die Boxen mit den Erinnerungsstücken sind nicht direkt sichtbar. Sie müssen zuerst aus dem Regal genommen und dann auf dem runden Tisch in der Mitte ausgepackt werden. Ich finde die Art, wie mit den teils auch sensiblen Erinnerungsstücken umgegangen wird, sehr gut, denn die Gegenstände werden durch das Lagern in dunklen Boxen sowohl symbolisch als auch physisch geschützt. Auch dass die Boxen schwarz sind, interpretiere ich als Zeichen einer dunklen Vergangenheit oder als Symbol für Trauer. In den Boxen finden sich Texte, Fotografien von Kundgebungen und Demos, Flyer und Plakate. Alle verweisen auf Aktionen antirassistischer Kämpfe.
Man kann selbst ein Teil der Erinnerung und der Ausstellung werden, indem man einen Zettel ausfüllt. Auf diesem nennt man seinen eigenen Bezug zu antirassistischen Kämpfen, gibt eine Beschreibung des auszustellenden Gegenstands ab und hinterlegt seine Kontaktdaten. Es gibt noch recht viele leere Boxen, was für Leerstellen im Bereich der Erinnerungskultur steht, aber auch dazu aufrufen soll, sich an der Ausstellung zu beteiligen. Sie bietet damit Raum für Austausch. Ebenfalls vorhanden sind zwei Bildschirme mit Interviews und Sketchen, in denen beispielsweise das rassistische System und Alltagsrassismus humorvoll verarbeitet werden oder Erfahrungen von Betroffenen verfolgbar werden. Ansonsten gibt es in einigen Regalen Modellnachbauten von Wohnungssiedlungen, also jede Menge verstecktere Teile in der Ausstellung. Auf dem runden Tisch in der Mitte befindet sich die Informationsbroschüre in leichter Sprache, was ebenfalls sehr für die Gestaltung der Ausstellung spricht, denn sie ist verständlich und einfach zugänglich gemacht. Sie beinhaltet Erklärungen, Informationen, Hintergründe und beantwortet Fragen, die bei der Gestaltung gestellt wurden. Für eigene Eindrücke, konstruktive Kritik oder auch Feedback gibt es ein Gästebuch, das rege genutzt wird.
Besonders auffällig an der Gestaltung der Ausstellung ist, wie sie klassische Ausstellungspraktiken aufbricht, indem die wichtigen Erinnerungsstücke nicht direkt sichtbar, sondern in verschlossenen Boxen präsentiert werden. Sie wirkt dadurch modern und durchdacht. Die Lage des Museums ist für viele Menschen leicht zugänglich, denn von der U8 aus geht man nur zwei Minuten zu Fuß. Außerdem ist der Ort des Museums bedeutsam, weil es sich mitten in Kreuzberg befindet. Der ehemalige Künstlerort wurde maßgeblich durch Menschen mit türkischen Wurzeln geprägt, welche heute durch Gentrifizierung und die damit ansteigenden Mietpreise verdrängt werden. Die Realität der Betroffenen wird künstlerisch gerahmt in einer informativen Ausstellung, deren Fokus auf dem Wissen und der Wirkung liegt. Ich würde die Dauerausstellung des Friedrichshain-Kreuzberg-Museum definitiv weiterempfehlen und allen ans Herz legen.
Ver/sammeln antirassistischer Kämpfe – ein offenes Archiv
Laufzeit: seit 22.05.2022
FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum
Adalbertstraße 95A
10999 Berlin
Öffnungszeiten: Di-Do 12:00- 18:00 Uhr, Fr-So 10:00- 20:00 Uhr
Der Eintritt ist kostenfrei