Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven
Selina Gerdes
Das Tor zur neuen Welt ist der Ort, an dem früher die Auswanderungsschiffe ablegten. Heute liegt hier ein preisgekröntes Erlebnismuseum.
Seit der Eröffnung am 8. August 2005 hat sich das Deutsche Auswandererhaus verändert und ist gewachsen: Es wurde nicht nur um mehrere Ausstellungsräume erweitert, sondern ab 2021 auch einem Thema geöffnet, das in Bremerhaven bereits seit Jahren allgegenwärtig ist. Denn so bekannt, wie die Seestadt für ihre bedeutende Auswanderungsgeschichte wurde, so sehr ist ihre gegenwärtige Landschaft von Einwanderung geprägt. Diese jüngste Erweiterung des Museums ist weniger umfassend und nimmt trotz hoher thematischer Relevanz einen weitaus kleineren Teil der Gesamtausstellung ein. Im Saal der Debatten wird die politische Entwicklung der sogenannten Migrationsdebatte des 20. und 21. Jahrhunderts in Deutschland veranschaulicht. Besucher:innen werden mit verschiedenen Fragen konfrontiert: Was darf Integration kosten? Wer kann einem Staat angehören? Wer kann in einem Land Schutz finden?
© Werner Huthmacher
Die Fragen bilden einen gelungenen Einstieg, um Betrachtende einzubeziehen und zur Reflexion anzuregen. Allerdings bleiben sie allgemein und greifen zentrale Themen nur oberflächlich auf. Daran anschließend lenkt der erste Teil der Ausstellung den Blick zurück: auf die Geschichte der europäischen Auswanderung.
Die strategische Lage der Nordseeküstenstadt mit direktem Zugang zum Meer sowie gut ausgebauten Häfen und Gleisanlagen machte Bremerhaven zwischen 1830 und 1952 zu Europas wichtigstem Auswanderungshafen. Für die Menschen, die von hier ihre Überseereise antraten, war die sogenannte Kaje der Tränen kein Ort des Auf Wiedersehens – sondern des Lebewohls. Ausgestattet mit einer i-Card, mit welcher ich die Lebensgeschichte einer ausgewanderten Person verfolgen kann, beginne ich meine Kurzreise in die USA. Nächster Halt ist der einstige Sitz der Einreisebehörde für den Staat New York, Ellis Island. Doch zunächst einmal betrete ich die Wartehalle: Untermalt von Meeresgeräuschen werde ich in dem Backsteinraum in die Geschichte der deutschen Auswanderung eingeführt. Dann öffnet sich die Tür; es geht an die Kaje. Die gesamte Ausstellung stellt das eigene Erleben in den Fokus. Lebensgroße Wachsfiguren tragen historische Kleidungsstücke verschiedener Dekaden zwischen 1830 und 1952. Mit meiner i-Card werde ich selbst Teil des Geschehens. Mir wird die Geschichte der im Jahr 1923 aus Bremerhaven in die Vereinigten Staaten emigrierende Martha Hüner zugeteilt. Neben ersten Worten der Auswanderin kann ich mit meiner Karte auch Gesprächen anderer Emigrant:innen lauschen. Sie sprechen deutsch, manchmal russisch — an der Kaje kamen Menschen aus ganz Osteuropa zusammen. – Die gewählte Darstellung versetzt Besucher:innen nicht nur auf visueller Ebene ins Staunen; sie schafft Gefühle. Das andockende Schiff, die Hafengeräusche, eine schattenwerfende Beleuchtung, all das löst ein Gefühl von Erwartung aus. Was ich antreffe, ist weniger eine Zurschaustellung romantisierter Hoffnung, als vielmehr die in der Luft liegende Schwere und Ungewissheit.
Der Parcours führt weiter in die Galerie der 7 Millionen. „Who were they?“, steht in Leuchtschrift, und ich bewege mich in einen Raum, der einem Archiv nachempfunden ist. Unterstrichen von einzelnen persönlichen Geschichten wird ein erster historischer Überblick über die europäische Emigration des 18. Jahrhunderts geschaffen. Biografien sind hier chronologisch geordnet. Knarrende Holzdielen und Sitzmöglichkeiten in historischem Stil unterstützen das Narrativ ebenso wie viele weitere stilistische Mittel, die gezielt die Nähe zu den in Szene gesetzten Biografien erhalten sollen. Ich lese über die Glaubensflüchtlinge, Redemptioner:innen, Kolonist:innen sowie Displaced Persons und lande an einer der zahlreich installierten Critical Thinking Stations der Ausstellung – eine interaktive Herangehensweise, die in Form von Displays Fragen stellt und ermutigen soll, eigene Denkweisen zu hinterfragen. Die auswertende Station im zweiten Ausstellungsbereich veranschaulicht durch Diagramme die Antworten aller Teilnehmenden.
Transit. Umgeben von dunkelblauem Wasser gehe ich nun über die Gangway hinauf ins Schiff. Das Arbeiten mit Perspektiven zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: Noch einmal erblicke ich die inszenierten Puppen an der Kaje. Dieses Mal sehen sie nicht mehr aus wie Emigrierende. Sie wirken plötzlich wie die Menschen, die an Land zurückgelassen werden.
An Bord sind die eingesetzten Fahrgastschiffe in Modellform ausgestellt. Von der spärlich ausgestatteten Bremen 1 aus dem Jahr 1854 bis zur deutlich größeren Columbus von 1922 lässt sich die technische Entwicklung der eingesetzten Passagierschiffe verfolgen. Auch die Überfahrt soll nicht nur Informationen vermitteln, sondern Gefühle auslösen, Empfindungen während einer mehrwöchigen transatlantischen Seefahrt. Die Böden sind schief, ich schwanke. Links von mir sind Bullaugen mit Blick aufs Meer, rechts Kabinen der Reisenden. Laute Geräusche begleiten mich, das Rauschen des Meeres wird von Husten und Schnarchen übertönt, als ich weiter in die Schlafkabinen vordringe. Die Betten stehen dicht an dicht, die Decke ist niedrig. Ein Gefühl von Enge und Beklemmung. Ich befinde mich in den Schlafräumen der 3. Klasse. Über Waschräume und einen Speisesaal gelange ich in die Quartiere der Passagiere der 1. Klasse: Hier ist mehr Platz, die zuvor wahrgenommenen Geräusche verstummen.
Ein tageslichtdurchfluteter Raum markiert die Ankunft in den Vereinigten Staaten. Das unbehagliche Gefühl von Enge hebt sich und das Narrativ der Auswanderung wird durch ein hoffnungsvolles Musikstück untermalt. Ich spüre das letzte Bangen der Auswander:innen auf dem Weg durch den nüchtern gefliesten Gang – in zur originalgetreu rekonstruierten Einwanderungsstation von Ellis Island. Hier endet die Reise der Auswanderung.
Das Deutsche Auswandererhaus ist ein Public-Private-Partnership-Projekt, gefördert durch den Initiativkreis Erlebniswelt Auswanderung e.V. Auf die Eröffnung des Museums im Jahr 2005 folgte die Gründung der gleichnamigen Stiftung, die seit fast zwanzig Jahren migrationshistorische Forschung sowie den Austausch mit europäischen Universitäten unterstützt und Bremerhaven als Standort geisteswissenschaftlicher Forschung stärkt. Das Museum und die kooperierenden Institutionen profitieren wechselseitig voneinander: Wissenschaftliche Erkenntnisse fließen in die Ausstellung ein, während das Ausstellungshaus migrationshistorische Inhalte sichtbar und erfahrbar macht.
Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65
27568 Bremerhaven
Öffnungszeiten: März bis Oktober täglich 10-18 Uhr.
November bis Februar täglich 10-17 Uhr
Eintritt: Erwachsene 20,00€, ermäßigt 17,00€,
Studierende/Kinder 10,00€