Saurierwelt
Museum für Naturkunde Berlin
Henry Gelhart
Man geht ins Museum, zahlt das Ticket, tritt ein und sieht: Wissenschaft. Objektivität. Fossilien, Millionen Jahre alte Geschichte, sicher verpackt in Vitrinen hinter Panzerglas. Ein Dinosaurier so groß wie ein dreistöckiges Haus: der Giraffatitan, stolz im Lichthof des Berliner Naturkundemuseums. Weltgrößtes Dinosaurierskelett, laut Guiness. Ein Denkmal der Paläontologie. Ein nationales Prestigeobjekt aus Knochen.
© Carola Radke (Datum unbekannt)
Was kaum erwähnt wird: Dass dieser Giraffatitan aus dem heutigen Tansania, damals noch Deutsch-Ostafrika, stammt. Dass er dort nie freiwillig wegging. Dass er kam, weil man ihn holte — unter deutscher Flagge, unter den Bedingungen, die man nur dann nicht kolonial nennt, wenn man kolonial denkt.
Zwischen 1909 und 1913 gruben deutsche Forscher am Tendaguru, bewaffnet mit Schaufeln, Vermessungstechnik und dem Recht des Stärkeren. Organisiert vom Kaiserreich, durchgeführt vom Geologisch-Paläontologischen Institut in Berlin. Die Knochen wurden verschifft, etikettiert, ausgestellt. Seit 1937 stehen sie hier, in der Invalidenstraße. Sie wanderten nicht, sie wurden verschleppt; getragen von Gewalt. Und doch wird so getan, als sei nichts gewesen. Als sei das Wissen, das hier gezeigt wird, sauber. Aber wo Gewalt der Ursprung ist, kann keine Neutralität herauskommen.
Das Museum erzählt: Evolution. Artenvielfalt. Wissenschaftlicher Fortschritt.
Was es verschweigt: Dass auch Wissenschaft von Gewalt lebt. Und dass die Kolonialherrschaft sie braucht. Sie braucht ihre Wissenschaft.
Das Problem ist nicht nur, dass dieser Dinosaurier aus einer Kolonie stammt. Das Problem ist, dass das Museum ihn zeigt, als wäre dieser ohne Kontext. Als ließe sich Geschichte von Skelett trennen.
Doch das ist nicht möglich. Der Kolonialismus lebt in der Form weiter, wie wir die Dinge anschauen. In Vitrinen, in Katalogen, in Schulklassenführungen. Der Kolonialismus ist nicht vergangen, er ist konserviert. Die Gebeine des Sauriers sind stille Zeugen dieser Geschichte.
Sie sagen nichts. Sie können nicht sprechen. Aber ihr Schweigen ist laut.
Die Migration der Dinge — Masken, Schädel, Skelette — ist nie freiwillig passiert. Sie ist kolonial. Dass das heute in ethnologischen Museen langsam erkannt wird, sei es von Seiten der Besucher:innen oder des Kuratoriums, ist überfällig. Dass naturwissenschaftliche Museen sich noch immer als „neutrale“ Zonen inszenieren, lässt tief blicken; nicht nur moralisch, sondern auch politisch.
Ein Museum, das seine kolonialen Fundamente nicht offenlegt, ist kein Ort des Wissens. Es ist ein Ort des Verschweigens. Auch das Museum für Naturkunde in Berlin ist nicht unschuldig. Es ist ein Beweis dafür, dass Wissenschaft nicht außerhalb der Geschichte steht, sondern mittendrin. Sie hat mitgemacht. Sie profitiert noch immer. Und solange der Kolonialismus nur als Fußnote in Ausstellungstexten auftaucht – wenn überhaupt –, wird auch dieser Giraffatitan kein Denkmal für Erkenntnis sein, sondern ein Mahnmal für Verdrängung.
Saurierwelt im Lichthof (Dauerausstellung)
Museum für Naturkunde
Invalidenstraße 43
10115 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9:30 bis 18:00 Uhr;
Samstag, Sonntag und Feiertag 10:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt: Erwachsene 11,00€, ermäßigt 5,00€