Grenzturm Nieder Neuendorf
Stadt Hennigsdorf
Nadeshda Haska
Am Rande des Mauerradwegs zwischen Oranienburg und Potsdam zieht die Ausstellung zum Grenzturm Nieder Neuendorf Besucher:innen an. Der Turm wurde 1987 als Führungsstelle des Grenzregiments 38 Clara Zetkin errichtet und diente zur Überwachung eines Grenzabschnitts, der 18 weitere Grenztürme umfasste. In dem ehemaligen DDR-Wachturm befindet sich heute eine Dauerausstellung, die den Weg von der Teilung Deutschlands bis hin zum Grenzabbau dokumentiert. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Migration der DDR-Bürger:innen in die BRD, auf der Struktur der Grenzüberwachung und dem Alltag der Grenzbeamt:innen im Grenzturm.
Diese eindrückliche Gegenüberstellung ist nur einer mehrerer Gegensätze, über die sich Besuchende im Grenzturm Nieder Neuendorf informieren können. Die Ausstellung thematisiert ausführlich und multimedial auf drei Etagen die Grenzschließung, das Leben im Grenzgebiet, die Geschichte der Grenztruppen, die sogenannte Republikflucht und deren Folgen, Geschichten von Neuanfängen im Westen, den Tod an der Mauer, den Volksaufstand am 17. Juni 1953, den Marsch aus Hennigsdorf, die Opposition in der DDR, Anträge auf ständige Ausreise aus der DDR sowie die Friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Damit vermittelt die Dauerausstellung wichtige Hintergrundinformationen zur Lebensrealität in der Region um Hennigsdorf zu Zeiten der Teilung Deutschlands. Mit Bildern, Filmen, Texten, einem Audioguide, einer Broschüre und einigen Ausstellungsobjekten spricht sie mehrere Sinne der Besuchenden an. Der Audioguide und die Texte in der Ausstellung selbst sind auf Deutsch und Englisch auch online verfügbar.
Doch nicht nur zum Informieren, sondern auch zum Gedenken lädt der Grenzturm ein: an seinem historisch-authentischen Ort (wie sich die Ausstellung selbst betitelt), steht der Grenzturm als Mahnmal. Ihn umgeben ein Gedenkstein aus Granitblock, der 2005 von der Künstlerin Heike Becker gestaltet worden ist, und eine Gedenkstele aus Beton, die an ein Bruchstück der Mauer erinnern soll. Die Ausstellung im Grenzturm wurde am 9. November 1999 zum zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls eröffnet, 2014 wurde sie zum bisher letzten Mal überarbeitet.
Copyright: Stadtarchiv Hennigsdorf, Fotograf: Frank Liebke
Die Bedeutung der Mauer und der Nähe zur Grenze für die Region rund um Hennigsdorf spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in der Ausstellung. Besonders eindrücklich ist der Zeugenbericht einer Person, die als Kind zusammen mit Verwandten regelmäßig mit der S-Bahn die Grenze nach West-Berlin überquert hat. Diese persönlichen Zeitzeugenberichte ziehen sich wie ein Muster durch die Ausstellung. Es wird in der ersten Person erzählt, oder es finden sich Informationstafeln zu Bewohner:innen der Stadt Hennigsdorf, die zum Beispiel sogenannte Republikflüchtige waren. Wegen mangelnder Informationen zum Schicksal einiger Betroffener müssen in den Infotexten auch Leerstellen gelassen werden. Diese Leerstellen und fehlenden Informationen werden deutlich benannt. So liest man beispielsweise auf einer Tafel, dass nicht Weiteres über das Leben zweier Hennigsdorfer Bürger bekannt ist, die sich offen SED-kritisch geäußert haben. Anzumerken ist aber, dass die Perspektiven der Grenzangestellten in der Dauerausstellung nicht präsent sind. Es werden nur Teile ihrer Uniformen ausgestellt. Die Person des Grenzbeamten wird dadurch verfremdet.
Copyright: Stadtarchiv Hennigsdorf, Fotograf: Frank Liebke
Durch die Zeugenberichte werden in der Ausstellung im Grenzturm die regionale, nationale und die Geschichte einzelner Personen miteinander verbunden. Mit der Ausstellung von Originalobjekten und -dokumenten, der der Einbindung von Zeitzeugenberichten und dem historisch-authentischen Standort der Dauerausstellung entsteht ein realer Bezugspunkt der Besuchenden zur Geschichte der Teilung Deutschlands, der durch die eben genannten Faktoren authentisiert wird.
Copyright: Stadtarchiv Hennigsdorf, Fotograf: Frank Liebke
In der Ausstellung, in der Infotafeln den größten Teil der Ausstellungselemente ausmachen, springt besonders ein interaktives Ausstellungsobjekt ins Auge: Besucher:innen können durch das das Teleskop Blicken und dadurch den ehemaligen Grenzstreifen und die Wasseroberfläche beobachten. So schlüpfen sie für einen Augenblick in die Rolle der Grenzbeamten, die mit dem Teleskop vor rund 30 Jahren nach sogenannten Republikflüchtigen Ausschau gehalten haben. Heutzutage finden wir aber nur einen schönen Ausblick auf die idyllische Landschaft vor. Dieser Ausblick auf den früheren Grenzstreifen regt auch zum Reflektieren über die Zugänglichkeit des Ortes an – ein weiterer Gegensatz, auf den Besucher:innen des Grenzturms Nieder Neuendorf stoßen. Der Ort, dessen Betreten früher schlimmstenfalls sogar tödlich enden konnte, lädt heute ein, inne zu halten und sich der Gedenkstätte zu nähern oder eine Ruhepause einzulegen, wenn man schon eine gute Strecke auf dem Mauerradweg hinter sich gebracht hat. Die früher beschränkte Zugänglichkeit des Ortes steht in starkem Kontrast zur freien Zugänglichkeit heute.
Spannend ist auch die Perspektive der Berichterstattung in der Ausstellung: Sie wurde vom Stadtarchiv und der Stadt Hennigsdorf konzipiert, wodurch eine Art Metaebene der Erzählperspektive entsteht, da die Stadt Hennigsdorf über sich selbst berichtet. Die Geschichte der Stadt und der Region wird also aus eigener Perspektive wiedergegeben. Da die Ausstellungsetagen im Grenzturm durch schmale Treppen verbunden sind, ist der Zugang bedauerlicherweise nicht barrierefrei. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr könnte eine Herausforderung für einige Besuchende darstellen, da die Ausstellung nur mit einer Busverbindung zu erreichen ist. Für Reisende, die zum Beispiel sowieso auf dem Mauerradweg unterwegs sind, bietet die Ausstellung aber eine gut zu erreichende Abwechslung und einen interessanten Zwischenstopp.
Grenzturm Nieder Neuendorf
Uferpromenade, 176761 Hennigsdorf
Öffnungszeiten: 6. April bis 3. Oktober, Dienstag - Sonntag