Virtuelles Migrationsmuseum
DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum für die Migration in Deutschland
Oliver Dressler
Ein Museum für Migration in Deutschland – Ende der 1980er Jahre zunächst nur eine Vision der Gründungsmitglieder des Dokumentationszentrum und Museum für die Migration in Deutschland (DOMiD). Im Winter 1990 wurde DOMiD – damals noch DOMiT – von Ahmet Sezer, Aytaç Eryılmaz, Lale Çakıroğlu, Gönül Göhler und anderen offiziell gegründet. Über die vergangenen 35 Jahre wuchsen DOMiD’s Team sowie die Sammlungstätigkeit des Vereins stetig an: vom Beginn in einer Garage in Essen mit Sammlungsfokus auf die Arbeitsmigration aus der Türkei hin zum Hauptsitz in Köln und der Öffnung der Sammlung für Migration aus allen Herkunftsregionen und Motiven. Heute besteht DOMiD aus einem heterogenen Team, zusammengesetzt aus Personen mit und ohne Migrationshintergrund aus unterschiedlichen Fachgebieten und agiert als wissenschaftliches Kompetenzzentrum mit Schwerpunkt auf Zeugnisse der Einwanderungsgeschichte in den Bereichen der Sammlung, Aufbewahrung und Ausstellung. Mit über 150.000 Exponaten bewahrt DOMiD eine bundesweit einzigartige Sammlung von Migrationsgeschichte und -geschichten.
„Unser Museum ist das Bekenntnis zur Migrationsgesellschaft.
Denn jede Geschichte zählt.“ („Über uns“, o. J.)
Damals wie heute ist die Zielsetzung des Kompetenzzentrums die Errichtung eines zentralen Migrationsmuseums in Deutschland. Indem Geschichte multiperspektivisch dargestellt wird, strebt der Verein darauf hin, Vorurteile abzubauen, Mythen aufzuklären und eine Perspektive zu vermitteln, in welcher Migration als Teil des Alltags, der Gesellschaft und vor allem als Teil der deutschen Geschichte betrachtet wird.
„Jedes Objekt, […] hat seine eigene Geschichte.
Und wir dürfen nicht erlauben, dass diese Geschichte von den Millionen von Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind, verloren geht.“
(DOMiD, 2017, 03:22-03:40)
DOMiD sammelt Migrationsgeschichte und -geschichten – Gegenstände und Erzählungen, die Zeugnisse der Einwanderungsgeschichten verschiedenster Menschen darstellen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Gegenständen des Alltags und der Alltagsgeschichte – diese beschreibt Manuel Gogos als „konkrete alltagsweltliche Erfahrungswelten von Individuen in historischen Zeitläufen“ (S. 87). Interviews, Fotografien, ein Bildwörterbuch, ein Schuhputzkasten – den Formen der Sammlungsstücke sind keine Grenzen gesetzt.
Manuel Gogos vergleicht DOMiD mit Marie-Louise Plessens und Daniel Spoerri’s Musée Sentimental: einem Sammlungs- und Ausstellungskonzept, welches Alltagsgegenstände und persönliche Erinnerungsträger in den Blick nimmt und sich durch die Aufwertung jener „sentimentalen Objekte“ samt – oder gerade wegen – ihrer Gebrauchsspuren auszeichnet. Anke te Heesen beschreibt das Musée Sentimental als Ausstellungskonzept, in welchem Alltagsgegenstände in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur treten und durch ihre kontextuelle Anordnung im Raum „einen sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Zeit, die exemplarisch in den Objekten als Kulturgeschichte aufleuchten soll“ (S. 144–145), vermitteln. So fragt DOMiD stets nach den Geschichten und Erinnerungen, die hinter den Objekten stecken; den Personen, mit denen sie in Verbindung stehen, sowie deren Hoffnungen, Träumen und Erfahrungen.
Aktuell arbeitet der Verein an zwei Hauptprojekten: dem Museum Selma, welches 2029 eröffnet werden soll – die Vision beschreibt DOMiD im Filmporträt: ein Museum, „das Migration, als das vermittelt was sie ist: ein elementarer Bestandteil der deutschen Geschichte“ – und dem Virtuellen Migrationsmuseum. Im Folgenden soll das Letztere näher beleuchtet werden.
DOMiD’s Virtuelles Migrationsmuseum (VMM), u.a. gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung, launchte 2018. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es sich wohl als erstes Museum komplett „losgelöst von räumlichen Begrenzungen gänzlich im virtuellen Raum befindet“, so das Redaktionsteam des Blogs zum VMM. Anders als in herkömmlichen Dauerausstellungen bietet das digitale Format außerdem die Möglichkeit, aktuelle Informationen einzupflegen und vorhandene Informationen zu aktualisieren. Somit kann schnell auf aktuelle Ereignisse eingegangen werden. Ein besonderer Vorteil dieses Formates ist außerdem der niedrigschwellige Zugang: das Museum kann rund um die Uhr und kostenfrei „besucht“ werden, sofern eine Internetverbindung vorhanden ist. Dafür muss zunächst eine Anwendung beziehungsweise App installiert werden. Es werden verschiedene Zugangsmöglichkeiten geboten: das virtuelle Museum ist als Desktop-Anwendung für Windows und Mac sowie als mobile App für Android verfügbar. Wenn die technischen Gegebenheiten vorhanden sind, kann das Museum auch in Virtual Reality (VR; [System: HTC VIVE]) besucht werden. Darüber hinaus ist derzeit eine mobile App für iOS in Entwicklung. Für diese Ausstellungsbesprechung wurde die Desktop-Anwendung (ohne VR) verwendet. Die Inhalte sind in den Sprachen Englisch und Deutsch verfügbar.
Geleitet durch die eigenen Interessen und ihrer Neugier können Besucher:innen im VMM eine fiktive Stadt erkunden. Über eine Karte gelangt man zu den verschiedenen Plätzen in der Stadt, wie zum Beispiel das Kulturzentrum oder die Einkaufsstraße. An diesen Orten wird Migration mit Themen wie Kultur, Bildung und Arbeit in Verbindung gebracht. Dies verdeutlicht, dass Migration Teil unserer Gesellschaft und Geschichte ist, und zeigt, wie sie diese mitprägt. Besuchende können frei die Straßen der Stadt erkunden und entscheiden, welche Gebäude sie betreten oder mit welchen Objekten sie interagieren möchten. Hervorzuheben ist auch die akustische Gestaltung der Umgebung, welche für mich zu einem immersiven Erlebnis beigetragen hat.
Screenshot aus dem Virtuellen Migrationsmuseum (im Kulturzentrum/Festsaal)
Inhaltlich beschäftigt sich das VMM mit der Einwanderung in Deutschland seit 1955 und nimmt die Perspektive einer Migrationsgesellschaft ein. Die Zielsetzung dabei ist, Wissen über verschiedene Migrationsformen und -typen zu vermitteln. Dabei sollen jedoch nicht bloß Information weitergegeben werden. Vielmehr befähigt das VMM dazu, selbstständig zu erkunden und zu entdecken was Migration in verschiedenen Kontexten bedeutet und wie sich unsere Gesellschaft seit 1955 entwickelt hat. Entsprechend bietet das VMM die Möglichkeit, an allen Orten zwischen drei Epochen hin- und herzuspringen. Dadurch werden nicht nur verschiedene historische Perspektiven und Migrationskontexte beleuchtet, sondern auch ein Gesellschafts- und Geschichtsbild vermittelt, in dem Geschichte nicht als Ansammlung voneinander isolierter Ereignisse betrachtet wird, sondern vielmehr als eingebettet in dynamische gesellschaftliche Wandlungsprozesse: Geschichte erscheint nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern etwas Fortlaufendes und Beeinflussbares.
Screenshots aus dem Virtuellen Migrationsmuseum (im Kulturzentrum/Festsaal)
In den Räumen des VMM finden sich über 1.000 digitalisierte Objekte sowie Zeitzeug:innen-Interviews aus der Sammlung von DOMiD. So werden auch hier Alltagsgegenstände und die Erlebnisse von realen Personen in den Mittelpunkt gerückt. Von einigen Objekten sind sogar 3D-Modelle hinterlegt, sodass sie von allen Seiten näher betrachtet werden können. Besonders gefielen mir die „Vitrinen“, in welchen sich Informationen zu den Ausstellungsobjekten in verschiedenen Medienformen wie Bild, Text und Video finden und dadurch unterschiedliche Zugänge zu den Ausstellungsinhalten bieten. Im Sinne der Barrierefreiheit ist besonders hervorzuheben, dass es die Möglichkeit gibt, sich viele der Texte vorlesen zu lassen. In jedem Fall sind die Texte gut verständlich verfasst und so auch für ein jüngeres Publikum zugänglich.
Screenshots aus dem Virtuellen Migrationsmuseum (im Kulturzentrum/Festsaal
Forschende thematisieren schon länger, das Potenzial von VR als unterstützendes didaktisches Instrument zu verwenden, um das Engagement, die Motivation und das räumliche Verständnis von Lernenden zu fördern. Ebenfalls wird ihr Potenzial zur Verbesserung der Lehrer:innenausbildung und der digitalen Kompetenzen hervorgehoben (siehe z.B. Korbel & Zarnekow, 2025; MacDowell et al., 2024; Villena-Taranilla et al., 2025). Entsprechend kann das VMM – sowie das Format im Allgemeinen – als eine vielversprechende Bereicherung für moderne Bildungseinrichtungen betrachtet werden. Insbesondere für einen Geschichtsunterricht, der einen Schwerpunkt auf die anhaltende Relevanz historischer Ereignisse für die heutige Gesellschaft legt, stellt das VMM von DOMiD eine bedeutende Anknüpfungsmöglichkeit dar. Außerhalb von Bildungskontexten bietet es eine immersive Erfahrung für lebenslanges Lernen aller Altersgruppen, die sich für Kultur, Bildung und Arbeit in Deutschland interessieren.
Literaturhinweise:
Virtuelles Migrationsmuseum (VMM)
Download: https://virtuelles-migrationsmuseum.org/download/
Öffnungszeiten: rund um die Uhr verfügbar
Eintritt: kostenfrei
Technische Voraussetzungen: Benötigt wird ein internetfähiges Endgerät (PC, Smartphone, etc.) zum Download der Anwendung und zum Anzeigen der Ausstellungsinhalte.