Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu 1992, 2025
KW Institute for Contemporary Art
Luisa Hauck
Auf zwei Etagen verbindet Sung Tieu die Jahre 1992 und 2025 in ihrer Bedeutung für die vietnamesische Arbeitsmigration in die ehemalige DDR. Dabei verknüpft die Trägerin des Preises für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024 in ihrer künstlerischen Praxis Erfahrungsperspektiven mit recherchebasiertem Wissen. Fokus der Ausstellung im KW Institute for Contemporary Art sind die politischen sowie gesellschaftlichen Auswirkungen des Zusammenbruchs der DDR für die vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen. Tieu analysiert, wie rassistische Strukturen und Diskriminierung jener Zeit die Identitäten, Rollenbilder und sozialen Netzwerke der vietnamesischen Gemeinschaft beeinflussten und bis in die Gegenwart prägen.
Das KW Institut for Contemporary Art als ehemalige Margarinefabrik mit Lage im früheren Ost-Berlin bietet als historischer Ort, die Kulisse für die Ausstellung. Sung Tieu fügt den industriellen Räumlichkeiten mit freiliegenden Backsteinwänden und gemauertem Tonnengewölbe eine Geschichte der Vertragsarbeiter:innen hinzu, welche in der Rezeption der deutsch-deutschen Geschichtsschreibung bisher zu kurz kommt. Mit dem Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der sozialistischen Republik Vietnam im Jahr 1980 kamen etwa 60.000 vietnamesischen Vertragsarbeiter.innen in den Osten Deutschlands. Die Künstlerin erkennt eine Ambivalenz in der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands, denn nach dem Mauerfall 1989 gerieten viele Vertragsarbeiter*innen der DDR und deren Familien in einen Zustand rechtlicher und sozialer Unsicherheit. Die plötzliche Auflösung von Arbeitsverträgen und die Schließung vieler volkseigener Betriebe entzog ihnen die Grundlage ihres Aufenthalts. Viele Gastarbeiter:innen sahen sich gezwungen, informelle Überlebensstrategien zu entwickeln, in rechtlichen Grauzonen zu agieren. Die Arbeit Midair spiegelt jene Unsicherheiten über den eigenen legalen Status über die Jahre hinweg wider.
Sung Tieu, ohne Titel (2025). © Installationsansicht der Ausstellung Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu – 1992, 2025 in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025; Courtesy die Künstlerin, Foto: Frank Sperling.
Im Durchbruch der zwei Etagen der Ausstellungsräume schweben DDR-Möbel in der Luft. Auf dem Boden sind orientalisierende Teppiche ausgelegt. Die Betrachtung offenbart, dass an der Produktion der bis heute beliebten Einrichtungsstücke unter anderem vietnamesische Vertragsarbeiter:innen beteiligt waren. Dem Inventar selbst ist also eine vielfache Geschichte eingeschrieben. Indem Tieu den Möbelstücken den Boden unter den Füßen nimmt, verweist sie auf den „state of suspension“ und die Durchdringung historischer Prozesse bis in die Gegenwart. Sie selbst kam 1992 nach Deutschland – in einem Jahr, welches von politisch motivierter rechtsextremer Gewalt geprägt war. Einige der Ausschreitungen, etwa in Rostock-Lichtenhagen, gelten heute als die schwersten rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Pogrome in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Tieu thematisiert jene rassistisch motivierten Anfeindungen in ihrem Werk Read Me, Wear Me, Fear Me
Indem die Künstlerin Kleidungsstücke aus Baumwolle mit Zeitungsartikeln, welche die rassistisch motivierte Gewalt in den 1990er Jahren widerspiegeln, bedruckt, verbindet Tieu ihre Recherchen mit der Erfahrung, die ständige Bedrohung von Gewalt am eigenen Körper zu tragen. Auf der zweiten Etage der Ausstellung werden historische und gegenwärtige Narrative in vielschichtiger Weise miteinander verwoben. In die Bewegung durch den Ausstellungsraum wird jedoch durch das Werk Berliner Elle interveniert.
Sung Tieu, Read Me, Wear Me, Fear Me (2025). © Installationsansicht der Ausstellung Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu – 1992, 2025 in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025; Courtesy die Künstlerin, Foto: Frank Sperling.
Fünf aus Aluminium gegossenen Vierkantstäbe verweisen auf die historische Maßeinheit der Berliner Elle. Sie sind an den Säulen im Raum als Hindernisse angebracht. Die Vierkantstäbe strecken buchstäblich den Ellenbogen aus und markieren so gesellschaftliche Distanz. Die gegenüberliegenden Wandhocker rufen die Assoziation eines Warteraums als ein Ort der Ungewissheit auf. Diese künstlerischen und kuratorischen Entscheidungen schränken die Besucher:innen in ihrer Bewegungsfreiheit ein, was zu einer dialogischen Ausstellungsrezeption führt. Es soll ein Gefühl der Unsicherheit und des Dazwischenseins vermittelt werden. Allerdings muss nicht davon ausgegangen werden, dass alle Besucher:innen jenes Raumerleben teilen. Mit den verschiedenen sozialen Hintergründen variiert auch das Erfahren der Ausstellung.
Sung Tieu, Berliner Elle (2025). © Installationsansicht der Ausstellung Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu – 1992, 2025 in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025; Courtesy die Künstlerin, Foto: Frank Sperling.
Sung Tieu, ohne Titel (2025). © Installationsansicht der Ausstellung Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu – 1992, 2025 in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025; Courtesy die Künstlerin, Foto: Frank Sperling.
Die ergänzende Publikation zur Ausstellung bildet selbst eine Form der Historisierung, da Tieu darin eine alternative Geschichtsschreibung anbietet. Das Problem der Narrative über Migration und Machtregime ist unter anderem in der Wissensproduktion zu verorten. Indem Tieu die Ergebnisse ihrer Recherche publiziert, bietet sie eine alternative Geschichte an. Die Publikation verbindet mündliche Überlieferung mit wissenschaftlicher Geschichtsschreibung. Historische Kontextualisierungen stehen neben Interviews und Abbildungen. Die Texte sind auf Deutsch, Vietnamesisch und Englisch verfasst, wodurch sich die Publikation an ein internationales Publikum richtet, aber auch an jene Personen, die die beschriebene Geschichte erlebt haben. Indem Tieu Wissen produziert, hinterfragt sie die deutsch-deutsche Geschichte und ergänzt diese.
Als Bedingung für die Realisierung der Ausstellung forderte Tieu die Aufnahme eines von ihr ausgewählten Mitglieds in den Trägerverein der KW Institute for Contemporary Art und der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, den KUNST-WERKE BERLIN e. V. So sollen die Erweiterung des Stimmenspektrums und der Perspektiven sowie Inklusivität innerhalb des Vereins vorangetrieben werden. Vor diesem Hintergrund entwickelte Tieu ein konzeptuelles Kunstwerk, dessen Verkaufserlös die Finanzierung einer fünfjährigen Mitgliedschaft für das von ihr vorgeschlagene Vereinsmitglied sicherstellen soll. Die Künstlerin hinterfragt auf diese Weise strukturelle Mechanismen der Ausgrenzung und die Intransparenz institutioneller Prozesse.
Dass die künstlerische Praxis zu Themen der Migration nicht an die Institution des Museums gebunden ist, zeigen die von Tieu angebotenen Touren durch einen der größten ehemaligen Wohnkomplexe für vietnamesische Vertragsarbeiter:innen der DDR an der Gehrenseestraße in Berlin-Alt-Hohenschönhausen. Dabei verbindet die selbst dort aufgewachsene Künstlerin persönliche Erinnerungen mit historischer Kontextualisierung. Die Führungen sind weniger ein intendiertes Kunstwerk als ein Projekt, welches aus dem Interesse des Umfelds der Künstlerin entstanden ist. Mittlerweile bezeichnet sie die Führungen als eins ihrer besten Werke, wobei sie sich weniger als Künstlerin, sondern vielmehr als Mediatorin versteht. Die Touren machen die Migrationsgeschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen sichtbar und erlebbar, wobei sie sich der Musealisierung entziehen.
Tieu schafft folglich eine transkulturelle sowie transnationale Perspektive auf die deutsch-deutsche beziehungsweise deutsch-vietnamesische Geschichte. Die Künstlerin nimmt sich der Migrationsgeschichte vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen in der DDR an, indem sie subjektive Erfahrungen mit Rechercheergebnissen ergänzt. So entsteht eine Geschichte zwischen Universalisierung und Partikularisierung. Die Besucher:innen stellen sich einer stetigen Spannung zwischen individuellen Lebensrealitäten und übergeordneten Mechanismen systemischer Regulierung. Es geht um das Dazwischensein: zwischen legal und illegal, zwischen innen und außen, zwischen Inklusion und Exklusion. Wie die Arbeit Berliner Elle zeigt, kann dabei nicht von einer einheitlichen Erfahrung der Besucher:innen ausgegangen werden. Eher lassen die Werke je nach eigener Situiertheit Interpretationsspielräume offen. Die Ausstellung hat in dem Sinne keinen rein wissenschaftlichen Anspruch. Vielmehr werden interdisziplinäre Ansätze gewählt, um den bis heute anhaltenden Zustand eines Lebens in einer gesellschaftlichen Grauzone der vietnamesischen Arbeitsmigrant:innen und den nachfolgenden Generationen in Deutschland zu thematisieren.
Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2024: Sung Tieu 1992, 2025
15.2.-4.5. 2025
KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 11-19 Uhr
Eintritt: regulär 10€, ermäßigt 6€
https://www.kw-berlin.de/sung-tieu/