
Künstler*in: Annemirl Bauer
Werktitel: Männliche Herrlichkeit Gottes
Entstehungsdatum: 1988
Material: Öl auf Teppich
Maße: 208 x 246 cm
Gattung: Gemälde
Standort: Hauptgebäude, 1. OG, Westflügel, Flur F 2095
Irritiert, verwundert oder abgestoßen blickt man auf das große Gemälde, das auch durch seine Gemachtheit eine besondere physische Qualität besitzt. Wie häufig in ihren Werken überführt Annemirl Bauer hier feministische ebenso wie gesellschaftspolitische Themen der DDR in ihre ganz eigene Bildsprache.
Das Bild, gemalt auf einen vorgefundenen Teppich, wirkt wie ein Bühnenbild: im Vordergrund eine größere weiblicher Figur …
… sitzend, rechts und links wie in verstörenden Choreografien aufgereiht weibliche und männliche Soldaten.
Während auf der linken Bildseite Nacktheit und übersteigerte Genitalien dominieren, ist es rechts eine gekreuzigte Frau, der Blut aus dem Schoß strömt. Nur ganz rechts am Bildrand vermag eine Mutter mit Kind in wohligen Gelbtönen ein wenig Hoffnung zu verbreiten.
Das martialisch wirkende Gemälde hat einen konkreten historischen Hintergrund, es bezieht sich auf die Änderung des Wehrpflichtgesetzes in der DDR 1982, nach der auch Frauen im Ernstfall zur allgemeinen Wehrpflicht eingezogen werden sollten. Die SED-kritische Frauengruppe „Frauen für den Frieden“ – darunter auch Bauers Kollegin und Freundin Bärbel Bohley – protestierte dagegen, auch in einem offiziellen Schreiben an Erich Honecker. In der Folge kam es zu einer Welle von Vernehmungen durch die Staatssicherheit, Einschüchterungen und Verhaftungen. Annemirl Bauer hat das Thema der weiblichen Wehrpflicht in ihren Tagebuchnotizen 1982/83 reflektiert und bereits hier scheinen einige Motive und formale Stilmittel des Bildes auf:
„Wehrpflichtige Frauen ausgestattet mit allen Weiblichkeitssymbolen / Vorstellungen nach dem Wunschbild des Mannes – Wunsch nach männlichem Diktat, hervorgegangen in Jahrhunderte langer Auslese und Ausrottung und nun noch phallokratisch ausgestattet zur gesetzlich verpflichteten Tötung – eine gezückte Pistole in weiblicher Hand – in grader Linie ein Kind treffend; das Ihre??? Macht – multipotente Männlichkeit oder vielmehr multipotenter Männlichkeitswahn kommt zum optischen Ausdruck in unzähligen verschiedenen Phallussymbolformen-männlich missbraucht zur Tötung von Leben, von Frau und Natur!“ (zit. nach Bauer 2012, S. 56)
Eine weitere Dimension wird mit der dominanten, mittig platzierten Frau aufgerufen. Sie verkörpert Ingrid Strobl, die als Mittäterin eines Bombenattentats 1986 am Verwaltungsgebäude der Lufthansa Köln durch die „Revolutionären Zellen“ 1987-1990 in Isolationshaft war. Der Anschlag hatte ebenfalls einen feministischen Hintergrund und zielte auf den Sextourismus („staatlichen Rassismus, Sexismus und das Patriachat“, wie die Revolutionären Zellen selbst angaben, vgl. Strobl 2020). Strobl erhielt nach ihrer Verhaftung öffentliche Solidarität. Wie die Themen für Annemirl Bauer miteinander korrespondieren, hat sie in handschriftlichen Aufzeichnungen zum Thema Wehrpflichtgesetz um 1988 formuliert:
„Es geht auch um Jahrtausende lange Tötung und Scheitern von Frau (kirchlich veranlasst und christlich verschwiegen) und um ihr Blut, das bisher zum peinlichen Tabu erklärte, es geht nicht um das sprichwörtliche Blut des Herrn, im gegenwärtigen Fall um männlich veranlasstes Scheitern… der Feministin Ingrid Strobel, die es wagte, die männlich militaristische Ordnung der Gegenwart zu benennen […]. Eingeschlossene und ausgeschlossene Isolierung Montagelange Untersuchungshaft von Ingrid Strobel Zerstörung, zum Scheitern verurteilen, aus dem Verkehr ziehen von Frau Kein Verbrennen des Körpers mittelalterlich… Es gibt feinere Methoden: zerstört ihren Geist, ihr seelisches Gleichgewicht, zerbrecht nach altbewährten Mustern … „… und der wilde Knabe brach’s … Röslein auf der Heiden…“. (zit. nach Bauer 2012, S. 58)
Die starke Ausdruckskraft des Bildes wird durch die Kombination von Wort und Bild potenziert. Die expressive Bildsprache ergänzen nicht weniger drastische Bildinschriften, die auf den (sexuellen) Kampf von Mann und Frau verweisen und zudem wie im Bild religiöse Motive ansprechen:
„Männliche Herrlichkeit Gottes; Wehrweibuntauglich/ Wehrdienst und weiblich/ Frau ermannt sich dämlicher/ Erma(h)nnung?/ Frauen Mannschaft/ Damenmann; Und der wilde Knabe brach’s,/ Röslein auf der Heiden,/ musst es eheheben leiheden…/ abtreiben und – tauglich…; Mutterschaft Mann Macht multipotente/ polygame Männlichkeit; … und die einen sind im Dunkeln/ und die andern sind im Licht…/ und die einen fahr’n nach England und/ die andern fahren nicht…; Im Namen des Herrn, des Vaters, des/ Sohnes und des männlichen Geistes/ und so auch in Endlichkeit, Amen; Das Blut des Herrn/ Freiheit für Ingrid Strobl, 1988“.
Ebenso wie das gegenüber hängende Gemälde kam die Männliche Herrlichkeit Gottes als Leihgabe der Tochter der Künstlerin an die Humboldt-Universität.
Quellen
Ausst.-Kat. Bauer 2012
In meinem eigenen Lande. Die Malerin und Dissidentin Annemirl Bauer, Ausst.-Kat. Deutscher Bundestag, Berlin 2012.
Ausst.-Kat. Bauer 2015
Ich möchte kein gefangener Vogel im Käfig sein. Annemirl Bauer, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus/ Galerie Pankow Berlin 2015.
Bauer 2024
Reise(un)freiheit – Werke von Annemirl Bauer, Beitrag zur Ausstellung des Projekts „Art in Networks – The GDR and its Global Relations“ in der Galerie der Kustodie an der Technischen Universität Dresden 2024: https://artinnetworks.webspace.tu-dresden.de/de/beitraege/reise-un-freiheit-werke-von-annemirl-bauer (letzter Zugriff: 10.07.2025)
Dvorakk 2022
Dvorakk, Elisaveta: Widerstand, Aktivismus und feministische Kunst der subkulturellen Öffentlichkeit der DDR. (Un-)Sichtbarkeiten – Desidentifizierungen – Visionen, in: Karin Aleksander u.a.: Feministische Visionen vor und nach 1989. Geschlecht, Medien und Aktivismen in der DDR, BRD und im östlichen Europa, Opladen 2022, S. 83-111.
Kuhli 2024
Kuhli, Christina: „Ein starkes Stück: Annemirl Bauer, Männliche Herrlichkeit Gottes, 1988“, in: https://www.sammlungen.hu-berlin.de/katalog/objekt-des-monats/ein-starkes-stuck-annemirl-bauer-mannliche-herrlichkeit-gottes-1988/ (letzter Zugriff: 02.07.2025)
Strobl 2020
Strobl, Ingrid: Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich, Hamburg 2020.
Autorin: Christina Kuhli