
Künstler*in: Johanna Jura (1923-1994)
Werktitel: Wand zum Gedenken an den Widerstand von Hochschulangehörigen
Entstehungsdatum: 1976
Material: Sandstein (Hauptstruktur), Zinkblech (Abdeckung), Bronze (Reliefskulpturen und Inschrift
Maße: 366 cm x 590 cm
Gattung: Mahnmal
Standort: Hauptgebäude, Gartenhof, Nordseite
Im Innenhof erinnert die 1976 errichtete Gedenkwand von Johanna Jura an die Hochschulangehörigen, die im Widerstand …
… gegen das NS-Regime ihr Leben ließen. Mit ihrer klaren Symbolik und eindringlichen Inschrift ist sie ein Ort der Reflexion über Geschichte und Verantwortung. Die Gedenkwand von Johanna Jura im Innenhof des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin ist ein zentrales Werk des öffentlichen Erinnerns. Sie wurde von der Universität in Auftrag gegeben, im Jahr 1976 errichtet und von Johanna Jura (1923–1994), einer Bildhauerin der DDR, gestaltet. Sie ist nicht nur ein Denkmal, sondern zugleich ein Mahnmal, das die Betrachter*innen zur aktiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auffordert. Mit einer Breite von 5,9 Metern und einer Höhe von 3,66 Metern erhebt sich die Wand als imposantes Symbol und besteht aus Materialien wie Sandstein, Zinkblech und Bronze, einer Reliefstruktur sowie einer entscheidenden Inschrift.

Die Inschrift „Den im Kampf gegen den Hitlerfaschismus Gefallenen – Ihr Tod ist uns Verpflichtung“ erinnert an die Widerstandskämpfer*innen unter den Angehörigen der Humboldt-Universität. Die Namen auf der Gedenkwand – darunter der bekannte Widerstandskämpfer Horst Heilmann, Mildred Harnack und Dietrich Bonhoeffer – erinnert in DDR-Terminologie an zwölf „im Kampf gegen den Hitlerfaschismus gefallene(n)“ Hochschulangehörige. Der Begriff ‚Hitlerfaschismus‘ ist typisch für den Sprachgebrauch der DDR und spiegelt die ideologische Perspektive dieser Epoche wider. Indem das Werk ihre Geschichten ehrt, fordert es zugleich dazu auf, aus der Geschichte zu lernen und eine kritische Reflexion anzuregen. Der Entstehung 1976 ging eine anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Universität durchgeführte Forschung zur Aufarbeitung der Verstrickungen in den Nationalsozialismus voraus, aus der die Auswahl der Namen resultierte. Die Auswahl löste Kontroversen aus, da nicht alle Genannten dem kommunistischen Widerstand angehörten, nicht bei allen Personen eine Studien-, Lehr- oder sonstige Tätigkeit an der Universität eindeutig nachzuweisen war.
Die schlichte, aber eindringliche Gestaltung der Gedenkwand hebt sich von traditionellen, opulenten Denkmälern ab, die oft patriotische Ereignisse oder Persönlichkeiten feiern. Stattdessen setzt das Werk auf symbolische Kraft und eine reduzierte Ästhetik, die den appellativen Charakter unterstreicht. Es soll nicht nur erinnern, sondern auch mahnen: Eine zentrale Botschaft von Mahnmalen, die in der DDR häufig zu finden war. In ihrer Entstehungszeit war die Gedenkwand Teil eines staatlich geförderten Diskurses, der die moralische Überlegenheit und die ideologischen Werte der DDR betonen sollte. Vereinzelt fanden dort Zeremonien statt, z. B. Appelle der Kampfgruppeneinheiten der HU, Ernennungen von Studenten zu Offizieren der Nationalen Volksarmee oder das Gedenken am 40. Jahrestag der Ermordung von Mitgliedern der „Roten Kapelle“ am 5.8.1983 (vgl. Graubner 2005, S. 237f.). Während es 1990 Bestrebungen gab, die Wand zu entfernen, ermöglicht sie heute eine zunehmend differenzierte Sichtweise als komplexes Zeugnis ihrer Zeit, dass sowohl die politische Instrumentalisierung als auch die historische Verantwortung reflektiert.

Das Relief spielt eine zentrale Rolle bei der Vermittlung eines kämpferischen Charakters. Abgebildet sind lose Gitterstäbe, die mit Stacheldraht umwickelt sind. Es scheint so, als würden sich zwei Hände hervorkämpfen oder klammern sie sich daran fest?
Die Abdeckung aus Zinkblech, die strenge Aufteilung der Elemente und die klar applizierten Bronzelettern formen eine geometrische Einheit, die einen markanten Orientierungspunkt an der Universität schafft. Die Gestaltung reflektiert den charakteristischen Stil der Kunst am Bau aus der DDR-Zeit und verbindet kompromisslose Funktionalität mit einer roh wirkenden Ästhetik.
Auch die Platzierung der Gedenkwand am Hauptgebäude der Humboldt-Universität trägt zu ihrer Bedeutung bei. Sie steht an einem zentralen, vom Innenhof aus gut sichtbaren Ort, der die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart symbolisieren kann. Umgeben von Bänken und unweit der Mensa wird das Mahnmal Teil des Campusleben, zugleich fast schützend eingehegt von Büschen und Hecken, die den Blick von der Straße abschirmen. Während das Kunstwerk die Auseinandersetzung mit historischer Verantwortung anregt, lädt es dazu ein, den eigenen Umgang mit Erinnerung und Mahnung zu hinterfragen.

Die Gedenkwand bleibt ein lebendiger Ort der Erinnerung, der im Spannungsfeld zwischen ihrer ursprünglichen Funktion als Instrument eines ideologischen Systems und ihrer heutigen Rolle als historisches Mahnmal steht. Sie ehrt die Opfer des Nationalsozialismus, während sie zugleich eine kritische Reflexion über die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen ermöglicht, die ihren Kontext geprägt haben.
Durch ihren mahnenden Charakter, ihre schlichte Symbolik und die historischen Namen, die sie trägt, zeigt die Gedenkwand – so zeitbedingt und kritikwürdig sie auch ist, wie Kunst ein Mittel des Dialogs und der Reflexion über die Rolle von Denkmälern und Mahnmalen in unserer Gesellschaft sein kann. Sie erinnert daran, dass Geschichte nicht nur bewahrt, sondern aktiv gestaltet werden muss, um eine Mahnung für die Zukunft zu bleiben.
Quellen
Endlich 2002
Endlich, Stefanie (Hrsg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 2: Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Bonn 2002.
Gandert 2004
Gandert, Klaus-Dietrich: Vom Prinzenpalais zur Humboldt-Universität. Die historische Entwicklung des Universitätsgebäudes in Berlin mit seinen Gartenanlagen und Denkmälern, Berlin 2004.
Graubner 2005
Graubner, Ingrid : Geschichte und Gedenkkultur an der Humboldt-Universität in der DDR, in: Die Berliner Universität in der NS-Zeit, Bd. 1. Strukturen und Personen, hrsg. von Christoph Jahr, Stuttgart 2005, S. 235-247.
O. A. 2025
Ohne Autor: „Gedenkstätten für die Opfer nationalsozialistischer Gewalt in Deutschland“, in: gedenkstaettenforum.de, https://www.gedenkstaettenforum.de/aktivitaeten/gedenkstaettenrundbrief/detail/gedenkstaetten-fuer-die-opfer-nationalsozialistischer-gewalt-in-deutschland (letzter Zugriff: 11.02.2025).
Wörsching/Häusler 2024
Wörsching, Mathias und Alexander Häusler: „Faschismus: Begriff, Geschichte, Forschung“, in: Handbuch Rechtsextremismus, hrsg. von Fabian Virchow u.a., Wiesbaden 2024, S. 1–32, https://doi.org/10.1007/978-3-658-38373-2_7-1 (letzter Zugriff: 11.02.2025).
Autorin: Skadi Petritsch