o. T. (Fliegendes Pferd)

Künstler*in: Annemirl Bauer

Werktitel: o. T. (Fliegendes Pferd)

Entstehungsdatum: 1982

Material: Öl auf Holz, zweiteilig

Maße: 283 x 307 cm

Gattung: Gemälde

Standort: Hauptgebäude, 1. OG, Westflügel, Flur F 2095

Auf einer Tischlerplatte als Bildträger schwebt ein weißes Pferd mit einer weiblichen Figur über eine Landschaft. Neben dem Rot-Orange …

… der Reiterin, den gelblichen Wolken und den roten Blumen herrschen Blau- und Grüntöne vor.

Die am unteren Bildrand liegende große Figur scheint in diesen Hintergrundfarben aufzugehen, vielleicht ist es sogar Mutter Natur? Das Erdenschwere ihrer Haltung wird durch die luftige Farbigkeit zurückgenommen, ins Traumhafte überführt. Das Motiv des Fliegens, des Ausbrechens aus der Schwere des Alltags, steht für die unendlichen Welten der Literatur, die man beim Lesen erobern kann. Als Auftragsarbeit für die Egon-Erwin-Kisch-Bibliothek verweist es somit auf die Freiheit des Geistes, wie es Annemirl Bauer poetisch in ihrem Konzeptionsentwurf um 1979 formuliert hat:

„Das Bildthema ist vorwiegend auf farbige Kontraste aufgebaut. Schwere, erdgebundene Farbigkeit einer relativ unscheinbaren märkischen Landschaft mit ihren Menschen, den Prozess der materiell schöpferischen Kraft des elementar arbeitenden Menschen darstellend, der mit seinen Werten die Voraussetzung zur Überwindung der Schwerkraft, dem Aufschwung zum geistigen Abenteuer, der morgigen Realität, schafft. Ein solcher geistiger Aufschwung bedeutet für den Menschen, in diesem Fall den Jugendlichen, das Buch, eine Idee, die gedankliche Vorstellung, die ihren Ausdruck in einem fliegenden oder auch galoppierenden Pferd finden soll, welches von der Neugierde und dem Sinn für das Fabelhafte im Menschen beflügelt wird, bis es durch logische Vernunft und Sachlichkeit zu einer realen Bereicherung unseres modernen Weltbildes wird. Pferd und Himmel in raumauflösender ätherischer Farbigkeit. Tier soll nicht in erster Linie den Ansprüchen einer Tierdarstellung gerecht werden, sondern das Gefühl des Schwebens vermitteln.“ (zit. nach Kat. Bauer 2012, S. 49)

Die streitbare und engagierte Künstlerin setzte sich trotz Verfolgung durch die Staatssicherheit bis hin zum Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler der DDR für feministische ebenso wie für gesellschaftspolitische Themen der DDR ein und verarbeitete dies auch in ihren Werken. Der verwehrte künstlerische Freiheitsdrang Annemirl Bauers, ihr Wunsch nach Meinungs- und Reisefreiheit, lassen das Motiv des Fliegens noch eindringlicher wirken. Doch geht es der Künstlerin immer um eine Verbesserung der Lebensbedingungen in der DDR, nicht um eine grundsätzliche Ablehnung des sozialistischen Staates, auch wenn das Ausbrechen aus den vorgegebenen Normen von politischer Seite als solche gesehen wurde.

Auch in einer Notiz zum Wandbild 1981-82 kommt der Wunsch nach Überwindung von Grenzen, nach Gedankenfreiheit, klar zum Tragen:

„Warum hab ich für Dich ein fliegendes Pferd gemalt? Der Gedanke eines Buches kann Dich hoch in die Luft tragen, in die Schwerelosigkeit gleich diesem Pferd. Er kann Dich beflügeln, Dich in Träume, Phantasien und Abenteuer führen, die darauf warten, durch Dich einmal zu greifbaren Wirklichkeiten zu werden, verwirklichte Träume! Deshalb hab ich für Dich ein fliegendes Pferd gemalt.“ (zit. nach Kat. Bauer 2012, S. 51)

Dank der Leihgabe der Tochter der Künstlerin dürfen wir an der Humboldt-Universität nun auch seit 2018 mitträumen.

Quellen

Ausst.-Kat. Bauer 2012
In meinem eigenen Lande. Die Malerin und Dissidentin Annemirl Bauer, Ausst.-Kat. Deutscher Bundestag, Berlin 2012.

Ausst.-Kat. Bauer 2015
Ich möchte kein gefangener Vogel im Käfig sein. Annemirl Bauer, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus/ Galerie Pankow Berlin 2015.

Bauer 2024
Reise(un)freiheit – Werke von Annemirl Bauer, Beitrag zur Ausstellung des Projekts „Art in Networks – The GDR and its Global Relations“ in der Galerie der Kustodie an der Technischen Universität Dresden 2024: https://artinnetworks.webspace.tu-dresden.de/de/beitraege/reise-un-freiheit-werke-von-annemirl-bauer (letzter Zugriff: 10.07.2025)