Sinnende

Künstler*in: Sabina Grzimek

Werktitel: Sinnende

Entstehungsdatum: 1972/74

Material: Bronze (Figur), Beton (Sockel)

Maße: Figur: 165 cm, Sockel:  75 x 32 x 50 cm

Gattung: Plastik

Standort: Hauptgebäude, Gartenhof, Westseite

Die Figur sitzt auf einem rechteckigen, kubischen Sockel, das rechte Bein über das linke geschlagen, die rechte Hand umfasst die Kante des Sockels. Ihr Oberkörper …

… ist nach vorn geneigt, das Kinn ruht in ihrer linken Hand, während der linke Arm  auf dem rechten Knie abgestützt ist. Die Oberfläche der Plastik ist uneben und eingefurcht, die Gesichtszüge der Figur sind nur schemenhaft zu erahnen. Andere Details wie die Wirbel am Rücken oder die durch die Beugung des Oberkörpers entstehenden Hautfalten am Bauch sind jedoch deutlich herausgearbeitet. Es entsteht der Eindruck, sie blicke in die Ferne – oder hat sie die Augen geschlossen? Sinnt sie nach? Tagträumt sie? In ihrer Abstraktion wirkt sie sogleich sehr nahbar und real.
Mit ihrer Haltung fügt sich die Sinnende beinahe nahtlos in den Gartenhof der Humboldt-Universität zu Berlin ein. An sonnigen Tagen sitzen Studierende und Mitarbeitende der Universität um sie herum, um sich zu unterhalten, zu essen, Kaffee zu trinken oder die Pause bis zur nächsten Veranstaltung an der frischen Luft zu genießen. Ihre überlebensgroße Präsenz fällt dabei kaum auf – fast scheint es, als wäre sie eine von ihnen. 

Dabei wurde die Sinnende nicht für ihren jetzigen Standort und auch nicht für die Humboldt-Universität geschaffen. Sabina Grzimek, die 2011 mit dem Brandenburgischen Kunstpreis, dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten, für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, suchte für ihre erste Plastik nach ihrem Studium an der Berliner Akademie der Künste (1969–1972) als Meisterschülerin ihres Stiefvaters Fritz Cremer selbst nach einer Auftraggeberin. Diese fand sie im Bundesvorstand des DFD, dem Demokratischen Frauenbund Deutschland. Geplant war, die Sinnende nach ihrer Fertigstellung in der Nähe einer Kaufhalle aufzustellen, diese Idee wurde jedoch verworfen. Im Jahr 1975 schenkte die Künstlerin der Humboldt-Universität zu Berlin den vermutlich ersten Abguss ihrer Plastik. Aufgestellt wurde sie im Innenhof des Studierendenwohnheims Ferdinand Thomas in der Storkower Straße 211-225 in Berlin Lichtenberg. Ab Mitte der 1990er Jahre gehörten diese Gebäude nicht mehr zur Universität, weshalb die Sinnende 1995 in den Gartenhof des Hauptgebäudes versetzt wurde, in den sie sich heute so nahtlos einfügt.

Auf eine bestimmte Art tritt die Sinnende jedoch aus der Masse hervor. Im Jahr 1989 stellte Helga Möbius fest, dass weibliche Figuren im öffentlichen Raum der DDR entweder als Arbeitende, Märtyrerinnen oder Mütter dargestellt wurden oder als allegorische weibliche Akte Zuversicht, Harmonie, Optimismus, Schönheit oder Lebensfreude verkörperten. Und auch die Sinnende wird 1978 von Christa Reuschel wie folgt eingeordnet:

„S. Grzimek ließ sich bei ihrer großen Bronze „Sinnende“ von Walter von der Vogelweides bekanntem Gedicht „Ich sass uff einem Steine …“ anregen und schuf eine Skulptur voller Innerlichkeit, Harmonie und Schönheit.”

Reuschel 1978, S. 91.


Doch die Sinnende bietet in ihrer Abstraktheit mehr als nur Harmonie und Schönheit. Da uns das Werk selbst nicht vorgibt, worüber es nachsinnt, lässt es Raum für eigene Interpretationen. Auch nimmt die Sinnende eine Pose ein, die schon weit vor Auguste Rodins berühmtem Denker in der Kunst verwendet wurde, jedoch laut Möbius nur selten für weibliche Aktfiguren. Diese Mehrdimensionalität zeigt sich auch in den zeitgenössischen Stimmen, die die Sinnende anders deuten. So äußert Hans Pölkow in seinem Porträt über Sabina Grzimek,  veröffentlicht in der Neue Zeit am 4. September 1976, die folgende These:

„Das Nachsinnen, Sich-konzentrieren – auf die Aufgaben des Lebens, auf ein Problem, ein Erlebnis, einen Menschen oder auf sich selbst: Dies darzustellen in einer Figur schien Sabine Grzimek eine lohnende Aufgabe. Sie möchte ihren Gedanken möglichst adäquat, überzeugend, genau und reich ausdrücken. Dem Betrachter soll sich ein Erlebnis mitteilen, die Figur soll ihn in ihre Ausstrahlung hineinziehen, ihn erinnern an eigene Stimmungen und Haltungen ähnlicher Art und ihn aus einer eventuellen Hast und Verkrampfung lösen zu Ruhe, Besinnung und Erkenntnis des Wesentlichen.”

Pölkow 1976, S. 10.

Die Sinnende steht damit nicht nur für Harmonie, sondern fordert die Betrachterinnen und Betrachter heraus, eigene Gedanken und Empfindungen zu hinterfragen. Sie mag nackt sein, doch wirkt sie durch die Einkerbungen auf ihrer Oberfläche keinesfalls perfekt. Sie mag Mutter oder Märtyrerin sein, doch ist dies für diese Darstellung nicht von zentraler Bedeutung. Sie ist kein Sinnbild für etwas – sie steht für sich selbst. Sie sitzt und sinnt.

Nice to know:
Ein Abguss der Sinnenden war zwischen 1975 und 1984 Teil mehrerer Ausstellungen, unter anderem 1984 in der Ausstellung “Alltag und Epoche” in Berlin. Weitere Abgüsse befinden sich heute beispielsweise im Schwanenteichpark in Rostock und vor dem Chemnitzer Schauspielhaus.

Quellen

Kuhli 2025
Kuhli, Christina: Sabina Grzimek, Sinnende, 1972-74, in: sammlungen.hu-berlin.de, https://www.sammlungen.hu-berlin.de/katalog/objekt-des-monats/sabina-grzimek-sinnende-1972-74/ (letzter Zugriff: 17.01.25).

Möbius 1989
Möbius, Helga: Zeichen für Vitalität und Schönheit. Frauenfiguren im städtischen Raum der DDR, in: Lindner, Ines (Hrsg.): Blick-Wechsel: Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in Kunst und Kunstgeschichte, Berlin 1989.

Möbius 1990
Möbius, Helga: Frauenfiguren in den städtischen Räumen der DDR, in: Feministische Studien, Bd. 8, Heft 1, 1990, S. 123-128.

o. A. 2025
ohne Autor: „Grzimek, Sabina”, in: bildhauerei-in-berlin.de, https://bildhauerei-in-berlin.de/creator/grzimek-sabina/ (letzter Zugriff: 17.01.25).

Pölkow 1976
Pölkow, Hans: Poesie und stille Empfindsamkeit. Die Berliner Bildhauerin Sabina Grzimek, in: Neue Zeit, 32. Jg, Nr. 211, 04.09.1976, S. 10.

Reuschel 1978
Reuschel, Christa: Kunst in Karl-Marx-Stadt: Architektur, Plastik, Malerei, Formgestaltung und Kunsthandwerk im Stadtbild, Chemnitz 1978.

Vösgen 2025
Vösgen, Nicola: „Sinnende”, in: bildhauerei-in-berlin.de, https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/sinnende-9772/ (letzter Zugriff: 17.01.25).