
Künstler*in: Ceal Floyer
Werktitel: Vorsicht Stufe
Entstehungsdatum: 2009
Material: Messing
Maße: 56 Schilder à 22 x 5 cm
Gattung: Installation
Standort: Hauptgebäude, Erdgeschoss, Foyer, auf den Treppenstufen
Die Installation Vorsicht Stufe springt nicht ins Auge, es wird darüber gestolpert. Das Werk der Künstlerin Ceal Floyer besteht aus 56 identischen Messing-Warnschildern, angebracht auf jeder Stufe der zentralen Eingangstreppe im Foyer des Hauptgebäudes Unter den Linden. Vorsicht Stufe ist ein poetischer Gegenpol zum übermächtigen Karl Marx-Zitat an der Wand.
Das Werk von Ceal Floyer ist minimalistisch, es besteht ausschließlich aus 56 identischen, 5 x 22 cm großen …
… Messingschildern. Diese sind jeweils in der Mitte der 56 Stufen der großen Treppe ins Obergeschoss, der “Beletage”, angebracht. Auf jedem der goldfarbenen Schilder steht in schwarzen Lettern in in Serifenschrift, Schriftart Times New Roman Bold, “Vorsicht Stufe”.

Auf den ersten Blick fallen diese Warnschilder gar nicht auf, ist das denkmalgeschützte Foyer doch durch den wuchtigen roten und schwarzen Marmor und das Karl Marx-Zitat in goldenen Lettern an der zentralen Wand im ersten Treppenabsatz geprägt.
An der Wand hängt die berühmte 11. Marx’sche These zu Feuerbach
Es handelt sich dabei um die berühmte 11. Marx’sche These zu Feuerbach. Diese Gestaltung des Foyers stammt aus dem Jahre 1953. Im Jahr 2009 gewann die in Berlin lebende, britische Künstlerin Ceal Floyer einen HU-Wettbewerb zur künstlerischen Kommentierung und Umgestaltung des Foyers. Ihr Werk schafft einen Kontext, zum einen durch das Aufgreifen der goldenen Materialität, als auch durch das Aufgreifen der Marx’schen Aussage. Vorsicht Stufe kontrolliert durch das Aufgreifen der Materialität die Blickführung im Foyer – leiten die goldenen Schilder im Erdgeschoss zur Feuerbachthese hin, weisen sie ab dem ersten Treppenabsatz von der Feuerbachthese weg, hoch in den ersten Stock. Steht man auf der Treppe, sind einzelne Messingschilder immer sichtbar – die Feuerbachthese hingegen nicht.
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern
Karl Marx, 11. These zu Feuerbach
Zu bemerken ist außerdem, dass die Kunstinstallation in den Unialltag eingebettet ist. Dies führt dazu, dass nicht nur das „Vorsicht Stufe“ vor den Stufen warnt, sondern auch das weiße Klebeband, was jeweils auf der ersten und letzten Stufe eines Treppenabschnitts angebracht ist.
Eine poetische Kontextualisierung einer angeschlagenen These
Anlass für die Anbringung der Installation war das 200-jährige Jubiläum der Humboldt-Universität zu Berlin und ein damit verbundener Wettbewerb zur künstlerischen Umgestaltung des Foyers. Wichtigstes Kriterium des Wettbewerbes war, ein Kunstwerk zu entwerfen, das sich mit der 11. Feuerbachthese von Karl Marx auseinandersetzt.

Angebracht wurde die These 1953 anlässlich des in der jungen DDR ausgerufenen Karl Marx-Jahres zum 130. Geburtstag des Philosophen. Sie war eine Warnung und Aufforderung an die im Sozialismus Lehrenden und Studierenden. Ein Sozialist überdenkt sich nicht, er handelt. Nach dem Fall des DDR-Regimes wurde an der HU offen über die Entfernung der These diskutiert. Schließlich, so der treffende Titel der an der HU 1995 stattfindenden Ringvorlesung, war sie spätestens seit dem Ende des Realsozialismus reichlich „angeschlagen“.
Ceal Floyer nimmt auf verschiedenen Ebenen Bezug auf die vergoldeten Marx’schen Lettern. Offensichtlich ist die Materialität – auch ihre Messingschilder leuchten im künstlichen Licht des Foyers golden. Und ebenso wie die Feuerbachthese vor einem Überdenken warnt, warnt auch Vorsicht Stufe – eben vor einer und allen Stufen.
Gemäß dem Wettbewerbsausschreiben sollte das Werk mehrdeutig sein. Es solle „[…] Dem Faktum Rechnung tragen, dass die These als Denkmal geschützte Provokation wahrgenommen wird“ und gleichzeitig „[…] als Zeichen historischer Toleranz und Befriedung eines ehemals gespaltenen Landes gilt.“

Vorsicht Stufe gelingt dies, schon in der Grundaussage des Ausdrucks “Vorsicht Stufe” steckt schließlich drin: Die Stufe muss beachtet, doch eben auch überschritten werden. Vorsicht Stufe ist ein Denkanstoß, zugleich aber auch ein performativ funktionierendes Kunstwerk. Ein Denkanstoß für das Stolpern und Wiederaufstehen, ein Denkanstoß für den Umgang mit idealistischen Warnungen und utopischen Forschungsansätzen und ein Denkanstoß für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit.
Es ist zudem spannend, dass dieser Denkanstoß zum Umgang mit der innerdeutschen Geschichte von einer gebürtigen Britin kommt, und dass die Kontextualisierung in diesem männlich dominierten Raum (Karl Marx, Ludwig Feuerbach, die Humboldt-Brüder) von einer weiblichen Künstlerin durchgeführt wird.
Quellen
Gerhardt 1996
Gerhardt, Volker (Hrsg.): Eine angeschlagene These. Die 11. Feuerbach-These im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 1996.
Humboldt-Universitäts-Gesellschaft/ Breuel 2009
Humboldt-Universitäts-Gesellschaft / Breuel, Nikolaus (Hrsg.): Vorsicht Stufe. Kunst im Foyer, Berlin 2009.
Schmidt/ Rohrbach 2009
Schmidt, Thomas M. / Rohrbach, Lena: “Vorsicht Stufe! – Vorsicht Marx?”, in: Tagesspiegel, 11.10.2009, Berlin, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/vorsicht-stufe–vorsicht-marx-8597914.html [letzter Zugriff: 07.04.2025].
Woeller 2009
Woeller, Marcus: “Hilfe zum Stolpern. Vorsicht Stufe”, in taz, 14.10.2009, Berlin, https://taz.de/Hilfe-zum-Stolpern/!562762/ [letzter Zugriff: 07.04.2025].
Autor: Ferdinand Wulff