Dr. Franz FISCHLER EU-Kommissar für Landwirtschaft und Fischerei
Das europäische Agrarmodell auf dem Prüfstand der WTO CEA
Congress Verona, 24. September 1999
Anrede,
ich danke Ihnen für die nun schon fast traditionelle Einladung zum Kongreß der Europäischen
Land-wirt-schaft. Seit unserem letzten Zusammentreffen war es möglich auf europäischer
Ebene unser Agrarmodell für die nächsten 7 Jahre zu definieren, nunmehr geht es darum dieses Modell international abzusichern. Daher ist es nur konsequent, wenn
Sie mich gebeten haben, heute das europäische Agrar-modell auf den Prüfstand der
WTO zu stellen.
Ich will zunächst auf die Frage eingehen, warum wir unser Modell überhaupt diesen
Prüfungen unterziehen sollen. Ich werde dann kurz noch einmal die Besonderheiten
unseres Agrarmodells herausstellen und schließlich einen Ausblick wagen, welche Chancen
unser Modell hat, um international akzeptiert zu werden.
Das europäische Agrarmodell, das wir gemeinsam durch die Agenda 2000 weiterentwickeln
wollen, muß jetzt seine Tauglichkeit beweisen. Das gilt intern für die Fragen der
Marktentwicklung, der Einkommenssicherung für die Landwirte und für die Ansprüche
von Seiten des Umweltschutzes und der ländlichen Entwicklung. Das gilt ebenso extern für
die Aufgaben die in einer erweiterten Union zu lösen sind.
Die erste große Bewährungsprobe steht uns aber demnächst im Rahmen der WTO-Verhandlungen
bevor.
Die erste Frage, warum wir unsere Agrarpolitik einer solchen Prüfung unterziehen müssen,
läßt sich schnell beantworten.
Schon im Marrakesch-Abkommen haben die WTO-Staaten bekanntlich festgelegt, daß die
Fortschritte in der Liberalisierung des Agrarhandels vor dem Jahr 2000 überprüft
werden sollen. Anders als die meisten anderen Sektoren steht die Landwirtschaft damit
bereits auf der Tagesordnung für die Milleniumrunde, unabhängig davon was sonst noch in
Seattle auf die Agenda gesetzt wird.
Im letzten Jahrzehnt haben unsere Landwirtschaft und unsere europäische Nahrungsmittelindustrie
in ganz erheblichem Umfang von den Weltmarktentwicklungen profitiert, insbesondere
bei den weiterverarbeiteten landwirtschaftlichen Erzeugnissen mit hoher Wert-schöpfung. Als zweitgrößter Agrarexporteur und mit Abstand größter Exporteur von verarbeiteten
Nahrungsmitteln muß daher die EU ein starkes Interesse an einem gut funktionie-renden
Welthandel haben. Die WTO-Verhandlungen sind daher der geeignete Rahmen, um für den Agrarhandel stabile Rahmenbedingungen und Regeln für einen fairen internationalen
Wettbewerb zu schaffen.
Eine solche multi-laterale Vereinbarung erfordert aber im Vorfeld eine breite Diskussion
in Politik und Gesellschaft, um mit einer festen gemeinsamen europäischen Position
in die Verhandlungen gehen zu können. Auf der politischen Ebene läuft die Vorbereitung schon seit längerem. Wir haben u. a. bereits unsere Position zur Multifunktionalität
und Nachhaltigkeit in Genf präsentiert und zuletzt wurde unsere Position in Tampere
beim informellen Agrarministertreffen breit diskutiert.
Auch Sie in der COPA und COGECA haben eine Position erarbeitet wofür ich sehr dankbar
bin.
Sie werden zudem die Gelegenheit haben, in den beratenden Ausschüssen das europäische
Agrarmodell zu debattieren.
Schließlich plane ich im nächsten Monat ein WTO-Forum mit Nicht-Regierungs-organisationen
durchzuführen, um möglichst viele Argumente in unsere Vorbereitungen einbeziehen
zu können. Auf diesem Forum sollen die Agrarverbände, die Verarbeiter und zusätzlich
auch Vertreter der Verbraucher, des Handels, der Arbeitnehmer, der Umwelt- und Tierschutzverbände
und der Entwicklungshilfe-organisationen zu Wort kommen.
Wir brauchen solche Veran-staltungen, um uns einem gesellschaftlichen Konsens zu nähern,
damit wir unsere Position in der WTO stärken und die europäischen Interessen bündeln
können. Damit das gelingt, müssen wir aber Klarheit haben in der Frage:
Was meinen wir mit dem europäischen Agrarmodell?
Unsere Vorstellung vom europäischen Agrarmodell zielt auf eine wettbewerbsfähige,
multifunktionale und nach-haltige Landwirtschaft ab, die sich über alle Regionen
der EU erstreckt. Das heißt, auch in den benachteiligten Gebieten soll die Land-wirtschaft
erhalten werden.
Anders als bei vielen unserer Verhandlungspartner ist die EU-Landwirtschaft stark
diversifiziert und erfüllt durch die agrarische Produktion selbst eine Reihe von
zusätzlichen Aufgaben. Sie ist die Basis und Garantie für unsere einmaligen Kulturlandschaften und für eine stabile Umwelt. Aufgrund unserer hohen Bevölkerungsdichte in Europa
müssen wir zusammen mit den Agrarprodukten diese Zusatzleistungen produzieren. Wir
können es uns nicht leisten, Natur und Umwelt auf Reservate zu beschränken.
Mit der Agenda 2000, wie sie in Berlin von den Staats- und Regierungschefs beschlossen
wurde, haben wir weitreichende Rahmenbedingungen geschaffen, damit dieses europäische
Modell der Landwirtschaft auch in Zukunft Bestand haben kann.
Wir haben erstens die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt durch die Marktreformen bei Ackerkulturen,
Rindfleisch und Wein, bei der Milch haben wir die Weichen der Reform gestellt.
Wir haben zweitens die Grundlagen für eine diversifizierte und multi-funktionale Landwirtschaft
ausgebaut. Die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen, Umwelt-leistungen, die Pflege
der Kulturlandschaften und die Erhaltung der Lebensfähigkeit der ländlichen Regionen sind alles Leistungen, die in Zukunft über die 2. Säule der Gemeinsamen
Agrarpolitik nämlich über die ländliche Entwicklungspolitik entlohnt werden müssen
damit sie auch weiterhin zur Verfügung gestellt werden.
Drittens wurde die Nachhaltigkeit gestärkt. Umwelt-elemente finden sich sowohl in
den Marktordnungen als auch bei den Fördermöglichkeiten in der ländlichen Entwicklung.
Zusätzlich spannt die horizontale Verordnung einen Bogen über die beiden Pfeiler
der Gemeinsamen Agrarpolitik.
Lassen Sie mich aber hinzufügen: Der Begriff der Nachhaltigkeit darf nicht allein
auf die umwelt-bezogene Dimension reduziert werden. Die Heraus-forderung einer nachhaltigen
Entwicklung besteht vielmehr darin, auch die wirtschaftliche Leistungs-fähigkeit
und den sozialen Ausgleich zu fördern und dabei zugleich die Qualität von Natur und
Umwelt, sowie das kulturelle Erbe zu erhalten und zu stärken.
Europäisches Agrarmodell und WTO
Meine Damen und Herren, die entscheidende Frage ist aber, welche Chancen dieses europäische
Modell der Landwirtschaft in den WTO-Verhandlungen hat.
Im Verlauf der Uruguay-Runde wurde viel Zeit und Mühe investiert, um einen methodischen
Rahmen für die Einordnung und Beurteilung der verschiedenen agrar-politischen Maßnahmen
zu finden. Die neue Runde wird sehr wahrscheinlich auf diesem Rahmen aufbauen.
Was soll daher aus unserer Sicht auf der Tagesordnung für die nächste Verhandlungsrunde
stehen? Die Fortführung der wichtigsten Maßnahmen des derzeitigen Überkommens über
die Landwirtschaft. Es geht dabei vor allem um die Beibehaltung des Konzepts der
blauen" und grünen" Box, die gewährleisten, daß die am wenigsten handelsverzerrenden
direkten Beihilfen unberührt bleiben.
Wir plädieren für die Erhaltung der besonderen Schutzklausel und die Rechtssicherheit
der Verhandlungsergebnisse durch eine Erneuerung der Friedensklausel.
Wird die Gemeinschaft alles daran setzen, um für die Gemeinschaftsausfuhren den Zugang
zu den Märkten zu verbessern. Wir werden insbesondere fordern, daß Ausfuhrkredite
generell von der Einhaltung vereinbarter Handelsregeln abhängig gemacht werden, wie
dies im Grundsatz während der Uruguay-Runde bereits vereinbart wurde.
Wollen wir auch wichtige nicht handelsbezogene Anliegen auf die Tagesordnung setzen:
Hier geht es insbesondere um Erfordernisse wie die multifunktionelle Rolle der Landwirtschaft
zu stärken und so die Lebensfähigkeit der ländlichen Gebiete zu sichern oder um den Umwelt- oder Tierschutz zu gewährleisten.
Wird sich die Gemeinschaft dafür einsetzen, daß den berechtigten Verbraucherinteressen
besser Rechnung getragen wird und die WTO nicht zum Vorwand genommen wird, um Produkte
auf den Markt zu bringen, an deren Sicherheit legitime Zweifel bestehen.
Ich freue mich, daß sich der Agrarministerrat über die Grundsätze bisher weitgehend
einig ist. Ich hoffe aber auch, dass diese Überein-stimmung bis zum Abschluß der
Verhandlungen durch-gehalten werden kann. Das wäre bereits eine gute Voraus-setzung
für eine starke europäische Position. Die Agenda 2000 Reformen werden dabei, wie in Berlin
beschlossen, den Kern unserer Verhandlungsposition bilden.
Lassen Sie mich auf einige zentrale Punkte noch etwas näher eingehen:
1. Im Bereich der internen Stützung wird die Green Box" bis heute von praktisch keinem
der Verhandlungspartner in Frage gestellt. Nahezu alle unsere Maßnahmen zum landwirtschaft-lichen
Umweltschutz und zur Entwicklung der ländlichen Räume fallen derzeit in diese Kategorie. Wir haben daher selbstverständlich ein großes Interesse daran,
dass dies auch in Zukunft so bleibt. Im Hinblick auf die multifunktionale Rolle unserer
Landwirtschaft müssen wir sogar überlegen, ob wir uns nicht für eine Erweiterung
der Green Box" einsetzen sollten. Tierschutz ist beispiels-weise ein Thema, das in der
Green Box" berücksichtigt werden könnte.
2. In bezug auf die Blue Box", in die praktisch alle Direktzahlungen fallen, die
wir 1992 im Gegenzug zu den Preissenkungen eingeführt haben, müssen wir mit scharfem
Gegenwind rechnen. Mit der Agenda 2000 haben wir die damals eingeschlagene Strategie
noch vertieft und ausgeweitet. Wir wollen weniger Preisstützung, aber wir brauchen die
neuen Direktzahlungen, um die Einkommen unserer Landwirte zu sichern. Gleichzeitig
sind künftig die Direktzahlungen an eine Reihe von
umweltpolitischen Verpflichtungen gebunden.
Diese Blue Box" ist daher ein entscheidendes Element der GAP; das müssen auch unsere
Verhandlungspartner begreifen. Wenn sie dennoch unsere Direktzahlungen in der Blue
Box" in Frage stellen, müssen sie mit dem entschiedenen Widerstand der EU rechnen.
Ich habe übrigens mit großem Interesse beobachtet, dass auch die amerikanische Regierung
wieder zunehmend in die direkten Ein-kom-menshilfen einsteigt. Nachdem schon im vergan-genen
Jahr 6 Milliarden US-Dollar zusätzlich ausgegeben wurden, hat man den Landwirten jetzt weitere Zahlungen in Höhe von 7 Milliarden $ in Aussicht gestellt. Während
wir also das Stützniveau absenken, wird es in den USA, entgegen früheren Behauptungen,
angehoben.
3. Ein Hauptdiskussionspunkt wird die Frage des weiteren Abbaus der Exportsubventionen
werden. Ohne eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik hätten wir hier für einige
Produkte mit großen Problemen rechnen müssen. Ob uns der Berliner Kompromiß überall
die erhoffte Erleichterung bringt, müssen wir jetzt erst einmal abwarten. In einigen Sektoren
haben wir aber jetzt mehr Spielraum für Zugeständnisse. Über solche Schritte werden
wir jedoch nur nachdenken, wenn klar ist, dass die Blue Box" erhalten bleibt. Wir werden auf jeden Fall darauf bestehen, daß auch die
Handelswirkungen anderer Export-mechanismen, wie zum Beispiel von Außenhandels-monopolen,
von Exportkrediten oder von Nahrungs-mittelhilfen genau unter die Lupe genommen werden.
Mein amerikanischer Kollege Dan Glickman hat sich jüngst der Kritik der Cairns-Länder
gestellt und dabei völlig freie Agrarmärkte als rein akademische Veranstaltung"
bezeichnet. Die Staatsmonopole in einigen Cairns-Ländern, zum Beispiel die marketing
boards für Weizen in Kanada und Australien sowie für Milch in Neuseeland zeigen, dass
auch hier einige Fragen geklärt werden müssen. Dem kann ich nur zustimmen.
4. Meine Damen und Herren, die EU hat seit langem klar gemacht, daß sich eine neue
Agrarverhandlungsrunde nicht auf die klassischen Agrarhandelsthemen beschränken kann.
Unsere Landwirte, die Ernährungsindustrie und die Agrarpolitik müssen sich auf eine
Reihe von neuen Anforderungen der Verbraucher einstellen, die auch auf den Märkten ihre
Wirkung zeigen.
Die Verbraucher haben heutzutage viel weiter gehende Qualitätsvorstellungen. Sie verlangen
außerdem ausreichende Informationen über Zusammen-setzung und Herkunft der Lebensmittel
und wenn die Landwirtschaft weiterhin erfolgreich sein will, muß sie in Europa zukünftig auch Fragen der Ökologie und der Ethik verstärkt als Qualitätsmerkmale
akzeptieren.
Wir müssen uns mit den Bedenken der Verbraucher ernsthaft auseinandersetzen, nicht
nur aus moralischen Gründen, sondern auch, weil sie ökonomisch immer stärker wirksam
werden.
Diese gesellschaftlichen Erwartungen sind daher ein entscheidendes Element für die
Besonderheiten des europäischen Agrarmodells.
In diesem Zusammenhang eine Anmerkung zur Bio- und Gentechnologie. Diese Technologien
bieten gerade im Hinblick auf die Verbesserung der Qualitätseigenschaften von Nahrungs-mitteln
ein beeindruckendes Potential. Wie bei jeder anderen technischen Entwicklung auch, müssen aber die Risiken aufmerksam untersucht und eingegrenzt werden. Das
positive Potential können wir nur nutzen, wenn Beeinträchtigungen der Gesundheit
und der Umwelt ausgeschlossen werden können. Die Verbesserung der Risikoabschätzung
und der Verbraucherinformation sind deshalb entscheidende Kriterien dafür, ob sich die grüne
Gentechnik ebenso erfolgreich durchsetzt wie die medizinische Gentechnik. Wir werden
deshalb auch weiterhin unserem Vorsorgeprinzip folgen und dies auch
international verteidigen.
Meine Damen und Herren, die EU hat in den letzten Jahren ihre Standards in den Bereichen
Nahrungsmittelsicherheit, Qualität, Umwelt- und Tierschutz ständig weiterentwickelt.
Das führt natürlich zwangsläufig auch zu höheren Kosten für die Landwirte und damit zu einer Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit. Es ist also kein neuer Protektionismus,
wie viele unserer Verhandlungs-partner, vor allem in den Entwicklungsländern vermuten,
wenn wir eine
Berücksichtigung dieser Kosten verlangen.
Für die kommende WTO-Runde müssen wir uns aber entscheiden: Wollen wir die Zusatzleistungen
im Rahmen unserer Agrarpolitik entlohnen oder wollen wir die Standards absichern,
indem wir gewisse handelspolitische Schranken beibehalten? Beides zusammen wird nicht gehen. Wir können nicht Produkte, die mit geringeren Standards produziert wurden,
mit hohen Zöllen belegen und gleichzeitig unsere Bauern für unsere höheren Standards
entschädigen. Meiner Meinung nach ist es eine bessere Strategie, das Recht zu erstreiten, die Leistungen der Landwirtschaft, die über das normale Produzieren hinausgehen,
auch gesondert zu bezahlen.
Schluß
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend noch einmal betonen: Die Agenda
2000 Reform ist eine große Anstrengung unsererseits, einen erfolgreichen Abschluß
der kommenden WTO-Runde vorzubereiten. Auch wenn die Reform einigen noch nicht weit
genug geht, ist sie ein entscheidender Schritt weg von der Agrarprotektion und sie ist
kein leichter Schritt für unsere europäischen Landwirte.
Handelsvereinbarungen waren schon immer ein schwieriges Geschäft und Jahrhunderte
vor uns hat William Shakespeare die damalige Auffassung auf den Punkt gebracht: Wohl
dreimal soviel Land gäb' ich dem wohlverdienten Freund, doch wo's auf Handel ankommt,
merkt ihr wohl, da zank' ich um ein Neuntel eines Haares." Meine Damen und Herren, auch
wenn die EU Vertreter sich wohl noch häufiger in die Haare geraten werden, um zu
einer gemeinsamen Verhandlungsposition zu
kommen, es sollte heute klar geworden sein, dass wir mit der Agenda 2000 gut vorbereitet
in die nächste WTO-Runde gehen. Daß dann in den Verhandlungen um ein Neuntel eines
Haares gestritten wird, kann auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden. Wir brauchen deshalb auch Ihre Unterstützung, um die europäische Position
glaubwürdig und kraftvoll vertreten zu können.
Vielen Dank.
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