Angela Braum
Der Paria – Literarisches Motiv und Figur der Moderne. Untersuchung zu einem europäischen Diskurs über Marginalisierung und Ausgrenzung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Wird in Frankreich dem Paria als einer Figur gesellschaftlicher Marginalisierung und Ausgrenzung – im Verständnis von gesellschaftlicher Exklusion als eines Webfehlers der Moderne – aufgrund seiner historischen Beständigkeit und Adaptionsfähigkeit bis in die Gegenwart gerade in den Sozialwissenschaften erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet, so gilt dies für Deutschland, wo der Begriff nahezu exklusiv für den Kontext der jüdischen Emanzipation im 19. Jh. reserviert ist, weniger. Allerdings erfährt der Paria bereits zum Ende des 18. Jh. und im Kontext der Forderung nach allgemeinen Menschen- und Bürgerrechten eine von Frankreich ausgehende intensive politische und künstlerische Popularisierung. Diese mündet zum Beginn des 19. Jh. in einem europaweit proliferierenden Diskurs über Marginalisierung und Ausgrenzung von Frauen, Juden, Sinti und Roma, der seinen Widerhall in der zeitgenössischen Literatur und in der Oper findet und in dessen Zentrum die sich als hoch plastisch und widersprüchlich erweisende Figur des Parias steht – eine Figur der Differenz, die auch die Möglichkeit des Wahrsprechens integriert. Continue reading „Angela Braum“
Norman Salusa
Eine Generation von Helden und Zeugen – Erfahrungen jüdischer Rotarmisten während des II. Weltkriegs
Doktorand am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Humboldt-Universität zu Berlin
Norman Salusa geht in seinem Promotionsprojekt der Frage nach, wie die Erlebnisse antisemitischer Gewalt von Juden und Jüdinnen in der Roten Armee während des II. Weltkrieges die Zugehörigkeitsvorstellungen geprägt und verwandelt haben. Damit zusammen hängt die vermittelte wie unvermittelte Erfahrung, Augenzeuge der Massenvernichtung der jüdischen Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten geworden zu sein und nun das Erlebte in Briefen und Tagebüchern dokumentieren, verbreiten und für die Zukunft bewahren zu wollen. Continue reading „Norman Salusa“
Franziska Homuth
Religiöse Ethik und Geschlecht als Variablen bei der Professionalisierung von Fürsorge und Wohlfahrt. Ein Transatlantischer Vergleich. Bertha Pappenheim und Jane Addams als Professionsgründerinnen in der Fürsorgearbeit
Es soll am Beispiel von zwei Gründerinnen der Sozialen Arbeit gezeigt werden, welchen Einfluss Geschlecht und religiöse Ethik auf die Professionalisierung von Fürsorgearbeit hatten. Dafür werden in einem transatlantischen Vergleich Briefe, Veröffentlichungen und Notizen dieser beiden Protagonistinnen untersucht und den „Echos religiöser Ethik“ in ihren Schriften nachgespürt.
Laurent Quint
L’écho du paradis perdu. Erinnerungskultur und Selbstverständnis(se) algerischer Juden in Frankreich
«J’ai perdu sept ans de ma vie: deux ans parce que j’étais juif, trois ans parce que j’étais Français, deux ans parce que j’étais Algérien.»
(Georges Hadjadj, algerisch-jüdischer Aktivist bei der PCA)
In der Dissertation wird die literarische und filmische Auseinandersetzung algerischer Juden mit ihrer Lebenswelt in Frankreich untersucht. Im Zentrum stehen einerseits Werke der ersten Generation, also von in Algerien geborenen Juden, die als Zeitzeugen in Erscheinung treten und ihre algerisch-jüdische Lebenswelt von einst evozieren, aber auch ihre Erfahrungen in Frankreich hinsichtlich ihrer Migration und Situation als Minderheit schildern. Demgegenüber stehen Zeugnisse der in Frankreich geborenen Nachkommen algerischer Juden, die sich inhaltlich insbesondere mit ihrer gegenwärtigen Lebenswelt in Frankreich beschäftigen. Ihr algerisch-jüdisches Selbstverständnis stützt sich auf die Traditionen, Bräuche und Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern. Aus einer postkolonialen und transgenerationellen Perspektive werden auf diese Weise die Themen Migration, (hybride) Identität, Exil und Erinnerung durch ein algerisch-jüdisches Prisma beleuchtet. Continue reading „Laurent Quint“
Alisa Jachnowitsch
Kulturarbeit als Ausdruck diasporischen Selbstverständnisses. Das Comité Central Israelita de México (1938-1980)
Doktorandin am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Humboldt-Universität zu Berlin
Das Dissertationsprojekt widmet sich dem 1938 gründeten Comité Central Israelita de México, welches als Vermittler zwischen den mexikanischen Judenheiten und der Mehrheitsgesellschaft zu fungieren suchte. Dabei steht Mexiko als besonderer Raum jüdischer diasporischer Kultur im Fokus, in dem sowohl Aschkenasim als auch Sephardim und arabische Juden eine neue Heimat fanden. Untersucht wird, wie die kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen des Landes die Entwicklung und das Selbstverständnis der Diasporagemeinschaft beeinflussten.
Nicht nur die Binnenverhältnisse innerhalb des CCIM werden ausgelotet, sondern auch dessen Kontakte zu anderen in Mexiko ansässigen Exilgruppen sowie zu jüdischen und nicht-jüdischen nationalen und internationalen Organisationen betrachtet. In diesem Zusammenhang können Interaktionen mit dem Heinrich-Heine-Klub, der Exilzeitschrift Alemania Libre, dem World Jewish Congress oder B’nai B’rith genannt werden. Continue reading „Alisa Jachnowitsch“
Alexander Valerius
Ellen Rinner
„Die Fackel deutsch-jüdischer Geistigkeit “. Der Einfluss jüdischer Kultur und Kulturtheorie auf die Entwicklung von Aby Warburgs Kulturwissenschaft
Doktorandin am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin Brandenburg und der Humboldt-Universität zu Berlin; Mitglied der Forschungsgruppe „Bilderverbot und Theorie der Kunst“
Der Einfluss des Judentums auf die kulturwissenschaftliche Methode Aby M. Warburgs stellt trotz des ungebrochenen Interesses am Begründer moderner Kultur- und Bildgeschichte nach wie vor ein Forschungsdesiderat dar. Ausgehend von Warburgs Formulierung der „deutsch-jüdischen Geistigkeit“, in deren Tradition er seine Arbeit verortete, untersucht die Dissertation, auf welche Weise jüdische kulturelle Traditionen Eingang in sein Denken und Forschen gefunden haben. Dazu werden die Schriften Warburgs, sein Nachlass und vor allem der Briefwechsel untersucht, um herauszuarbeiten, welchen Niederschlag Warburgs jüdische Sozialisation in seiner wissenschaftlichen Arbeit und der Programmatik der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg gefunden hat. Continue reading „Ellen Rinner“
Katrin Schuster
Der Stifter als Politiker? Hermann Weil und die deutsch-jüdische (Vor-) Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Über den Einfluss eines deutschliberalen argentinischen Juden auf den Ursprung der Kritischen Theorie
Der 1868 im heutigen Baden-Württemberg geborene jüdische Getreidehändler Hermann Weil stiftete große Summen für die auf deren Emanzipation gerichtete Erforschung der Gesellschaft durch das 1923 in Frankfurt am Main gegründete Institut für Sozialforschung (IfS). Was trieb den Großunternehmer dabei an? Mit der Hypothese einer auf die jüdische Erfahrung zurückgehenden bewussten gesellschaftlichen Anpassung Weils und vor dem faktischen Hintergrund des langjährigen sozialwissenschaftlichen Engagements geht diese Arbeit davon aus, dass er von Anfang an im Bilde war, was es mit dem IfS auf sich hatte, sogar dessen politische Orientierung unterstützte. Darüber hinaus wird sein Leben – von der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis in die Weimarer Republik, von der europäischen bis hin zur südamerikanischen Erfahrung – als Prisma für bisher nicht miteinander verknüpfte historische Konstellationen verstanden, die in einen transkontinentalen Zusammenhang gebracht und reflektiert werden sollen. Continue reading „Katrin Schuster“